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gelesen von Laura Maire

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Janne Tellers Debütroman „Nichts. Was im Leben wichtig ist“ hat mich inhaltlich sofort interessiert: Ein Schüler der siebten Klasse verlässt am ersten Schultag nach den Sommerferien nach wenigen Minuten den Klassenraum. Seinen Mitschülern hinterlässt er nur einen Satz, doch der löst eine Welle der Empörung aus: Nichts bedeutet etwas und deshalb lohnt es sich nicht, etwas zu tun.“
Agnes und ihre Klassenkameraden wollen Pierre Anthons Behauptung keinen Glauben schenken. Sie wollen etwas werden, jemand werden und das ist doch nicht nichts!

Gemeinsam schmieden sie einen Plan, wie sie Pierre Anthon davon überzeugen können, dass es sehr wohl etwas gibt, das eine Bedeutung hat und wofür es sich lohnt, etwas zu tun. In einem alten Sägewerk sammeln sie Dinge, die ihnen am Herzen liegen. Jeder muss das abgeben, was ihm am meisten bedeutet und so türmen sich im Laufe der Tage Gegenstände auf, die als Symbol der Bedeutung Pierre Anthon vom Gegenteil seiner Behauptung überzeugen sollen.

Der sitzt derweil im Pflaumenbaum, provoziert seine Mitschüler mit nihilistischen Thesen und denkt nicht im Traum daran, auf ihre Gegenargumente einzugehen.
Der Berg der Bedeutung muss also wachsen. Schuhe, Fußbälle und Fahrräder reichen nicht aus, um wirklich zu zeigen, dass es eine Bedeutung gibt. Und so überschreiten die Kinder eine Grenze, die an Grausamkeit und Gewalt nicht zu übertreffen ist…

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Eben jene Gewaltbereitschaft hatte eine unglaublich deprimierende Wirkung auf mich. Je weiter die Handlung voranschreitet, desto skrupelloser werden die Beweisforderungen der Kinder. Was im ersten Moment noch idealistisch wirkt, artet letztlich in gewissenloser Brutalität aus.
Ich war erstaunt, wie unreflektiert die Schüler den Konflikt bewältigen möchten. Verspricht das Thema doch eine Auseinandersetzung mit der Bedeutung des Lebens, so scheint es für sie von Anfang an nur die Lösung durch Gewalt zu geben. Der erste Versuch Pierre Anthon zum Schweigen zu bringen, besteht darin, ihn mit Steinen zu bewerfen. Es folgen Grausamkeiten, die mit Tieren, menschlichen Gefühlen, Moral und körperlichen Schmerzen zu tun haben. Philosophiert wird hingegen wenig.

Die Schwelle zwischen guten Argumenten und effektheischender Brutalität ist erstaunlich gering, sodass mir die Entwicklung vom einen zum anderen fehlte. Janne Teller dringt nicht ins Innere der Figuren vor. Die Motivation der Kinder besteht lediglich darin, ihren Mitschüler zu Fall zu bringen, nicht aber darin, seinen Behauptungen auf den Grund zu gehen. Verfolgen sie zunächst noch das Ziel, den wahren Sinn des Lebens herauszufinden, verlieren sie sich bereits nach kurzer Zeit in dem Wunsch, ihre Klassenkameraden an ihrem wunden Punkt zu treffen. Die Bedeutung ihrer Handlungen rückt in den Hintergrund und im Vordergrund stehen Demütigungen und Schadenfreude.

Das weckt im Leser natürlich die Sensationslust, sodass man gebannt verfolgt, wie weit Agnes und ihre Freunde noch gehen werden. Man ist schockiert und angeekelt und kann doch nicht aufhören hinzusehen. In der Hinsicht erzielt Teller einen enormen Effekt.
Allerdings fehlt mir eindeutig der Gehalt der Geschichte. Das Potential wurde in meinen Augen nicht ausgeschöpft. Die Auseinandersetzung mit dem Thema „Sinn des Lebens“ hätte durchaus spannend umgesetzt werden können, doch die Handlung ist fast von Anfang an so eindimensional und polemisch, dass es mir schwer fällt, das Geschriebene als wertvoll zu erachten.

Natürlich regt Pierre Anthons Aussage zum Nachdenken an. Und ich habe mich auch gefragt, was mir im Leben wichtig ist und was meiner Existenz eine Bedeutung gibt. Doch die Geschichte selbst inklusive des konstruierten Endes war mir dabei keine Quelle der Inspiration oder des Gedankenanstoßes.
„Nichts. Was im Leben wichtig ist“ erschien mir lediglich wie eine Aneinanderreihung von Grausamkeiten, Skrupellosigkeit und Schadenfreude, die die eigentliche Bedeutung vollkommen aus den Augen verliert. Janne Tellers Umsetzung erinnert eher an einen typischen Artikel einer in Deutschland oft gelesenen Zeitung, die unter dem Deckmantel der Moral mit Effekthascherei hohe Leserzahlen erzielen möchte.

Positiv anzurechnen ist jedoch die Leistung von Laura Maire, der Sprecherin des Hörbuchs. Zwar hätte sie in meinen Augen etwas langsamer vorlesen können, doch sie beherrscht es, die Gedanken der 13jährigen Agnes glaubhaft vorzutragen und jagt einem hier und da mit ihrem Tonfall einen Schauer über den Rücken. Sowohl das Kindliche als auch die Gewissenlosigkeit werden durch ihre Stimme hervorragend transportiert und es war mir ein Vergnügen ihrem Vortrag zu lauschen.

Alles in allem halte ich „Nichts. Was im Leben wichtig ist“ für ein Buch, das im Ansatz durchaus interessant ist. Die Umsetzung jedoch gefällt mir weniger gut, da die Geschichte recht konstruiert wirkt und lediglich in Form von Grausamkeiten Aufmerksamkeit erregt, nicht aber mit tiefgehenden Gedankengängen oder wertvoller Reflektion dienen kann.
Für Neugierige ist das Hörbuch aufgrund der Sprecherin durchaus empfehlenswert, die Geschichte selbst war für mich eher enttäuschend.

Altersempfehlung: ab 15 Jahren

© Ada Mitsou

erhältlich bei audible.de / 13,95 € / 2 Std. 58 Minuten (ungekürzt)

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