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Erinnerungen an Marion Dönhoff

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Marion Gräfin Dönhoff wäre am 2. Dezember diesen Jahres 101 Jahre alt geworden. Die Chefredakteurin und Herausgeberin der ZEIT starb im Alter von 92 Jahren an Krebs. Als der Postkartenverkäufer auf der Insel Ischia, wo Dönhoff alljährlich ihre Ferien verbrachte, davon erfährt, reagiert er anders, als man es erwarten würde. „Bravo!“ ruft er aus. „Ein tolles Leben!“ und damit hat er nicht ganz Unrecht.

Fast ein ganzes Jahrhundert hat die Gräfin miterlebt, darunter zwei Weltkriege, die Machtergreifung Hitlers, die Flucht aus Ostpreußen und den Kalten Krieg. Die Zeiten waren nicht immer rosig und trotzdem verlor Marion nie ihr politisches Bewusstsein und den Mut, die Welt aktiv verändern zu wollen. So war sie ein Mitglied der Widerstandsbewegung in den 40er Jahren, hatte Kontakt zu Politikern wie Michail Gorbatschow und war stets interessiert an der Jugend.

Ein Teil dieser Jugend ist ihr Großneffe Friedrich. Obwohl zwischen ihm und seiner Tante 60 Jahre Altersunterschied lagen, verband die beiden eine innige Freundschaft. Sie verbrachten viel Zeit miteinander, aßen jeden Sonntag gemeinsam zu Mittag, unternahmen Reisen und führten tiefgehende Gespräche.
In „Die Welt ist so, wie man sie sieht“ erinnert er sich an die Zeit mit der Gräfin und beschreibt die Ereignisse auf sehr persönliche, aber respektvolle Weise.

Wie ein Tagebuch liest sich das Geschriebene, wodurch der Leser die Journalistin auf neue Weise kennenlernt. Zwar lässt Friedrich ihren Werdegang und die wichtigsten Stationen ihres Lebens einfließen, doch im Vordergrund steht Marion Dönhoff als Mensch und Freundin.
Resolut scheint sie gewesen zu sein, sehr gradlinig und manchmal auch ein wenig zu bestimmend, sodass Friedrich bisweilen diplomatisch vorgehen musste, um einer sturen Diskussion aus dem Weg zu gehen.
Und doch kam der Humor nie zu kurz: Ein schelmisches Augenzwinkern hier und eine kluge Anspielung dort haben mich mehr als einmal zum Schmunzeln gebracht. Die Gräfin wusste, was sie wollte und scheute nicht davor zurück, ihre Meinung frei heraus zu sagen.
Friedrichs Erinnerungen wirken liebevoll und ehrlich. Er plaudert über Alltagssituationen, ohne dabei den Respekt zu verlieren und hat mir mit seinem leichtfüßigen Stil ein paar vergnügliche Lesestunden bereitet. Zudem lockern zahlreiche Schwarz-Weiß-Fotos das Geschriebene auf anschauliche Weise auf.

„Die Welt ist so, wie man sie sieht“ ist eine Biographie der besonderen Art. Anstatt den Leser mit trockenen Fakten zu langweilen, vermag einen das Erzählte zu berühren. Man lächelt und staunt, denkt nach und beginnt sich für die Zusammenhänge zu interessieren. Am Ende schlägt man das Buch zu und denkt genau wie der Postkartenverkäufer: „Bravo! Was für ein tolles und spannendes Leben!“

© Ada Mitsou

260 Seiten / 15 € ~ Hoffmann und Campe (19. Oktober 2009) ~ ISBN: 3455501168

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