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Leo Gursky ist ein einsamer, alter Mann, der seinen Alltag mehr schlecht als recht zu bewältigen versucht. Als Beweis für seine Existenz und um etwas Aufmerksamkeit zu bekommen, meldet er sich bei einem Aktzeichenkurs als Modell an und lässt absichtlich Dinge im Einkaufsladen fallen. Die meiste Zeit denkt er jedoch an seinen Sohn Isaac, der ein berühmter Schriftsteller ist und nichts von Leos Existenz weiß.

Vor vielen Jahrzehnten hatte Leo eine Liebschaft mit Isaacs Mutter Alma und zum Zeichen seiner Liebe schrieb er ihr ein Buch. Als Leo wegen des zweiten Weltkriegs untertauchen muss, gibt er das Manuskript zur Verwahrung seinem besten Freund Zvi. In dem Glauben, dass Leo tot ist, macht dieser es sich Jahre später zu eigen, übersetzt es ins Spanische und widmet das fertige Buch seiner Angebeteten Rosa.

Eines dieser übersetzten Exemplare findet David Singer in einem Antiquariat, ist sofort von der Geschichte angetan und schenkt es seiner Frau. Sie benennen ihre Tochter nach der Hauptfigur Alma, woraufhin sich die junge Alma vierzehn Jahre später auf die Suche nach ihrer Namensgeberin macht.

Alle diese Personen stehen nicht in Kontakt miteinander und sind doch durch ein Buch verbunden: „Die Geschichte der Liebe“ von Leo Gursky, dem alten Mann, der einsam seinen Alltag bewältigt.

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Obwohl Leos Buch der Verbindungspunkt aller Figuren ist, spielt „Die Geschichte der Liebe“  nur eine kleine Rolle in dem Roman. Hier und da finden sich Auszüge daraus, doch wirklich überzeugend fand ich diese Bruchstücke nicht. Mir hat sich nicht erschlossen, warum ausgerechnet dieses Buch so eine Anziehungskraft auf die Figuren ausübt, wirkte es auf mich doch eher spröde und allzu theoretisch. Das ist sehr schade, wenn man bedenkt, dass eben jenes Manuskript dem Buch seinen Namen gibt. Andererseits bin ich gerade wegen der ausbleibenden Anziehungskraft froh, dass der Schwerpunkt des Romans auf etwas anderem liegt.

In „Die Geschichte der Liebe“ geht es vorrangig um den Verlust eines geliebten Menschen und die Suche nach etwas, was diese Lücke füllen kann.
Leo trauert um seine Jugendliebe und sehnt sich nach dem Kontakt zu ihrem gemeinsamen Sohn Isaac. Die junge Alma muss den Tod ihres Vaters verkraften und sucht zugleich eine neue Liebe für ihre Mutter, damit diese wieder glücklich wird. Almas kleiner Bruder Bird hingegen möchte alles über seinen Vater erfahren und flüchtet sich in religiöse Spinnereien.

Jede dieser Figuren ist auf ihre Art liebenswert. Leo und sein ebenfalls betagter Freund Bruno kümmern sich rührend umeinander und doch ist jeder für sich einsam. Almas Neugierde wirkt erfrischend und doch spürt man, dass sie ihren Platz noch nicht gefunden hat. Mein Lieblingscharakter ist jedoch Bird, der kleine Träumer, der sich in seine Vorstellungen verrennt und sich dabei in eine Außenseiterposition bugsiert, die einem ans Herz geht.

Eigentlich ist „Die Geschichte der Liebe“ ganz einfach geschrieben. Die Personenvielfalt ist zu Beginn zwar etwas verwirrend, doch es kostet keine Mühe, das Geschriebene zu lesen. Allerdings steckt hinter dem leichtfüßigen Schreibstil soviel Gefühl, verschrobener Humor und Melancholie, dass mich der Roman gleichermaßen berühren und fesseln konnte.

Alles in allem habe ich mir unter „Die Geschichte der Liebe“ zwar etwas anderes vorgestellt, doch das, was ich stattdessen bekam, hat mich durchaus überzeugt. In meinen Augen geht es weniger um das mysteriöse Manuskript und die Folgen des Holocaust, sondern vielmehr um eine große Einsamkeit, die durch den Verlust geliebter Menschen ausgelöst wird und das Leben verschiedener Personen in neue Bahnen lenkt. Jede von ihnen konnte mich auf besondere Weise berühren, weshalb es mir leicht fiel, über die kleinen Schwachpunkte des Romans hinwegzusehen und ich das Buch als Ganzes gerne weiterempfehle.

© Ada Mitsou

352 Seiten / 19,90 € ~ Rowohlt (23. September 2005) ~ ISBN: 3498035231

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