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Gesa hat ihr Abitur so gut wie in der Tasche und ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Obwohl die 19-Jährige noch keinen richtigen Plan hat, weiß sie mit Sicherheit, dass sie ihre Heimat, die Insel Nördrum, verlassen möchte.
Seit über 20 Jahren betreibt ihre Familie dort die kleine Pension „Möwennest“. Während Gesa ihrer Mutter im Service hilft, veranstaltet Oma Insa mysteriöse Wattwanderungen für kinderlose Paare, ihr Bruder Wilko kümmert sich um den Surfbrettverleih, Tante Nele ist die Inselärztin und Onkel Onno sucht nach einem geheimnisvollen Schatz.
Alles läuft in geregelten Bahnen – bis zu dem Tag, als Wilko beim Fallschirmspringen tödlich verunglückt. Danach ist nichts mehr so, wie es war: Mama behandelt die Ente Jean-Pierre wie ein neues Familienmitglied, Papa haut ab und Gesas Zukunftspläne werden über den Haufen geworfen.
Inmitten dieser radikalen Veränderung versucht Gesa sich selbst zu finden und das ist ohne den geliebten Bruder, dafür aber mit einer Verkettung unerwarteter Ereignisse gar nicht so leicht…

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Wenn ein Roman davon handelt, dass eine geliebte Person unerwartet stirbt, dann gehe ich davon aus, dass Melancholie und Traurigkeit die Atmosphäre für sich einnehmen. Doch genauso wie die Verbliebenen unterschiedlich trauern, so hüllen Autoren das Thema Tod in unterschiedliche Gewänder.
Michael Gantenbergs Art darüber zu schreiben prallte in meinem Kopf erstmal auf Widerstand: Tod und Leichtigkeit? Tragikomik und schmerzliche Wahrheiten? Das passt auf den ersten Blick nicht richtig zusammen. Doch als ich „Zwischen allen Wolken“ zuschlug, musste ich einsehen, dass manche Gegensätze eben doch zusammenpassen.

Unerwarteterweise rückt Wilkos Tod zunächst in den Hintergrund. Zwar spürt man, dass Gesa ihren Bruder vermisst und ihre Mutter sich vollkommen zurückzieht, doch die große Traurigkeit bleibt aus. Stattdessen hat der Alltag im „Möwennest“ die Familie voll im Griff. Jeder muss seinen Aufgaben nachgehen, damit das Geschäft nicht zusammenbricht und so verfolgt man als Leser auf recht humorvolle Weise wie skurrile Gäste kommen und gehen und das Leben auf Nördrum so läuft.
Dieser Teil des Buches liest sich wie ein leichter und sehr unterhaltsamer Sommerroman. Statt der erwarteten Schwere bestimmen Situationskomik und typische Kleinstadtmauscheleien die Handlung. Hinzu kommt eine kleine Liebesgeschichte am Rande.

Dass letztlich doch nicht alles so einfach ist, wie es scheint, kristallisiert sich erst im Laufe der Handlung raus. Gesa begegnet plötzlich ihrem toten Bruder und weiß nicht, wie sie damit umgehen soll. Oma Insa lüftet ein Geheimnis, dass die Familie durcheinander bringt und Mamas Fürsorge bezüglich der Ente nimmt merkwürdige Ausmaße an.
Während sich das Geschriebene immer noch locker leicht runterliest, verändert sich der Ton zwischen den Zeilen. Der Schmerz und das Unglück sind vielleicht nicht offensichtlich, doch unterschwellig setzt sich der Prozess des Trauerns mit jedem neuen Ereignis wie ein Puzzle zusammen.

„Zwischen allen Wolken“ ist also keine typische Trauergeschichte, die das Herz schwer macht. Dafür steckt in dem Geschriebenen zuviel Humor und Leichtigkeit. Vielmehr gleicht die erste Hälfte des Romans einer unterhaltsamen Feriengeschichte, in der jeder deutsche Urlauber sich oder seine Artgenossen wieder finden kann.
Je weiter die Handlung jedoch voranschreitet, desto deutlicher spürt man, welche Ausmaße Wilkos Tod wirklich annimmt und dass es nichts hilft, sich hinter seinen Alltagspflichten und dem schönen Schein der Erinnerung zu verstecken.
Gesas Erkenntnisse am Ende des Sommers kamen für mich zwar nicht ganz überraschend, doch im Ganzen habe ich mich sehr gut unterhalten gefühlt und festgestellt, dass ein Buch über den Tod nicht immer melancholisch sein muss, damit es in sich stimmig wirkt.

Unerwartet anders, aber dennoch gut!

© Ada Mitsou

326 Seiten / 14,95 € ~ Scherz Verlag (12. Mai 2010) ~ ISBN: 3502110638

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