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„Sommer mit Fremden“ ist ein merkwürdiges Buch. Merkwürdig im Sinne von sonderbar, aber auch des Merkens würdig.

Harada, ein Drehbuchautor Ende 40, wurde soeben von seiner Frau geschieden und wohnt seitdem in einer kleinen Wohnung in einem Bürogebäude. Die Stille, die dort nachts herrscht, ist ihm unheimlich, doch wie sich bald herausstellt, ist Harada nicht der einzige Bewohner des Hauses. Eines Abends steht seine Nachbarin Kei vor der Tür und bietet ihm an, zusammen etwas zu trinken. Nach anfänglichem Zögern entwickelt sich zwischen den beiden eine Liebesgeschichte und Kei ist es auch, die als erste davon erfährt, dass Harada seine Eltern wieder gefunden hat. Das wäre an sich nicht weiter verwunderlich, allerdings ist das Ehepaar seit über 30 Jahren tot und je öfter sich Harada mit ihnen trifft, desto schwächer wird er.
Kei versucht ihren Geliebten von den bösen Geistern zu befreien, doch die lassen sich nicht so leicht vertreiben…

Als ich die ersten Kapitel von „Sommer mit Fremden“ las, war ich mir zunächst unschlüssig, ob mir das Buch wirklich gefällt. Yamada schreibt sehr ruhig und bedacht, sodass seine Hauptfigur Harada stets etwas schwermütig scheint und dessen Eindrücke genauestens beschrieben werden. Dadurch hat man als Leser zwar ein detailliertes Bild vom Alltag des Drehbuchautors und der Umgebung, in der er lebt, doch zugleich fehlte mir in diesen monologartigen Passagen die Lebendigkeit.

Je weiter die Handlung jedoch voranschreitet, desto interessanter wird es. Die Ereignisse entwickeln sich zu etwas Rätselhaftem, das mit dem bloßen Verstand nicht greifbar ist und doch sehr realistisch wirkt. Genau wie Harada fragt man sich, was hinter der Begegnung mit seinen Eltern steckt und ob er sich alles bloß einbildet. Warum erschrecken seine Mitmenschen bei seinem Anblick, während er selbst im Spiegel nichts Ungewöhnliches erkennen kann?

Bevor Harada sich vollkommen verliert, fängt Kei ihn auf. Die junge Frau ist genauso einsam wie er und so klammern sie sich aneinander fest, um diesen Zustand erträglicher zu machen. Wie ein roter Faden zieht sich die Einsamkeit durch das Buch und gäbe es nicht die überraschenden Wendungen in der Handlung, hätte die Geschichte wahrscheinlich eine sehr trostlose Wirkung auf mich gehabt.  Doch eben jene Wendungen in Kombination mit der Trostlosigkeit machen „Sommer mit Fremden“ zu etwas Besonderem. Der Alltag wandelt sich zu etwas Rätselhaftem und das Rätselhafte mündet in ein überaus unheimliches Finale. Wer Phantasie hat, wird bei diesem Finale genau wie ich eine Gänsehaut haben und vielleicht sogar etwas schneller durch die Dunkelheit huschen als sonst.

Alles in allem ist „Sommer mit Fremden“ eine Geistergeschichte auf gehobenerem Niveau. Empfand ich den Einstieg zunächst als etwas leblos, konnte ich mich irgendwann dem geheimnisvollen Sog der Handlung nicht mehr entziehen. Der Spannungsbogen ist so konstruiert, dass einen das Unheimliche kalt erwischt und somit eine Wirkung erzielt, die man zu Beginn des Buches nicht erwartet.

Eine höchst merkwürdige Geschichte mit effektvollen Wendungen!

© Ada Mitsou

192 Seiten / 17,95 € ~ Goldmann (5. März 2007) ~ ISBN: 344231092X

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