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Vorweg: Ich gehe davon aus, dass den meisten Lesern die Thematik dieses Romans bekannt ist. Sollte dies nicht der Fall sein, kann meine Rezension Spoiler enthalten.

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Auf dieses Buch habe ich mich schon lange gefreut; vielleicht ein wenig zu sehr, denn die Umsetzung lässt mich nicht ganz so begeistert zurück, wie ich es mir erhofft habe. Dabei ist die Thematik, die Kazuo Ishiguro in seinem Roman „Alles, was wir geben mussten“ verarbeitet, durchaus interessant:

Auf den ersten Blick wirkt Hailsham wie ein gewöhnliches Internat. Schüler verschiedener Altersklassen leben dort auf begrenztem Raum zusammen, haben die üblichen Unterrichtsfächer wie Kunst und Sport und verbringen ihre Freizeit auf dem Internatsgelände. Im Laufe der Jahre entwickelt sich zwischen den Kollegiaten Kath, Ruth und Tommy eine komplizierte Freundschaft, die zwar immer wieder für aufwühlende Emotionen sorgt, letztlich jedoch einen wichtigen Halt im Leben der Teenager darstellt. Und diesen Halt brauchen sie: Abgeschottet von der Außenwelt sind sie aufeinander angewiesen und bereiten sich auf eine Aufgabe vor, die nur einem Zweck dient: Durch Organspenden sollen sie das Leben anderer Menschen retten.

Kazuo Ishiguro geht dieses brisante Thema auf der emotionalen Ebene an. Statt moralisch den Zeigefinger zu schwingen, konzentriert er sich vordergründig auf die Gefühle seiner Protagonisten und wirft damit Fragen auf, die zum Nachdenken anregen. Während Ruth sich scheinbar ohne Widerstand ihrer Bestimmung fügt, beginnen Kath und Tommy nachzuforschen. Sie hinterfragen das Verhalten ihrer Aufseher, spinnen Theorien über bestimmte Vorgänge und können die Umstände nicht zweifellos hinnehmen.

Trotzdem wirken diese Zweifel auf mich etwas blass. Obwohl Kath und Tommy merken, dass etwas nicht stimmt, gehen sie den Dingen nicht wirklich auf den Grund. Sie machen sich Gedanken und diskutieren verschiedene Optionen, allerdings geht ihr Handeln nur selten über diese Gedankengänge hinaus. Selbst als ihnen ihre Bestimmung auf herzlose Art vor Augen geführt wird, leisten sie keinen Widerstand, sondern nehmen die Gegebenheiten einfach hin.

Eben diese von Anfang an mitklingende Resignation empfand ich als etwas enttäuschend. Dass Ishiguro nicht mit Effekthascherei arbeitet, verbuche ich als Pluspunkt. Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass die Reflektion über das Geschehen nicht bloß seitens des Lesers erfolgt, sondern auch in dem Roman mehr Raum bekommt und sogar Früchte trägt. Stattdessen bleiben die Protagonisten in ihrer Rolle und nehmen ihr Schicksal fast tatenlos an. Das überzeugt mich nicht und lässt die Handlung im Ganzen etwas zu konstruiert erscheinen.

Trotzdem ist „Alles, was wir geben mussten“ in meinen Augen eine interessante Lektüre. Sie regt zum Nachdenken an und wirft ethische Fragen auf, die einen nicht nur für den Moment beschäftigen. Ishiguro führt einen langsam an diese Fragen heran, indem er sein Buch in drei Teile unterteilt. Wirkt der erste Teil, in dem es um den Alltag im Internat geht, noch etwas zäh und belanglos, steigert sich die Bedeutsamkeit im zweiten Teil, der erahnen lässt, dass Heilsham nicht nur kein gewöhnliches Internat ist, sondern die Schüler auf etwas vorbereitet werden, das langsam greifbar wird. Kath, Tommy und Ruth kommen mit der Bestimmung ihres Daseins in Berührung und erfahren letztlich im dritten Teil, was es bedeutet, ein Teil dieser Bestimmung zu sein.
Durch die emotionale Ebene vermag einen das Erzählte zu berühren und schafft eine Nähe zu den Protagonisten, die den Vorgängen letztlich doch noch jene Brisanz gibt, die zuvor durch den ruhigen Schreibstil im Hintergrund blieb.

Alles in allem ist „Alles, was wir geben mussten“ ein Buch, dessen Effekte unterschwellig wirken. Weder der Schreibstil noch die Handlungsweise der Protagonisten sorgen für Knalleffekte. Stattdessen setzt sich der Reflektionsprozess im Leser schleichend in Gang und wirft Fragen auf, die auch nach der Lektüre noch nachhallen. Die Thematik fesselt also durchaus, doch die Umsetzung konnte mich letztlich nicht vollends überzeugen.

Info: Die Buchverfilmung von „Alles, was wir geben mussten“ kommt im März 2011 in die deutschen Kinos.

© Ada Mitsou

349 Seiten / 9,99 € ~ btb (6. November 2006) ~ ISBN: 3442736102

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