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gelesen von Daniel Brühl

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Aufgrund eines Skiunfalls ist Alices Bein lahm. Sie macht ihren leistungsorientierten Vater dafür verantwortlich und verweigert zudem die Nahrungsaufnahme. Jahrelang pflegt sie mithilfe von kleinen Tricks ihre Magersucht und meidet soziale Kontakte, so gut es geht. Dabei fühlt sich Alice einsam und wünscht sich nichts sehnlicher, als mit dem beliebtesten Mädchen der Schule befreundet zu sein.

Auch Mattia trägt ein tragisches Erlebnis aus der Kindheit auf seinen Schultern. Mit sechs Jahren hat er seine behinderte Schwester im Park sitzen lassen, um alleine auf die Geburtstagsfeier eines Klassenkameraden gehen zu können. Als Mattia zurückkommt, ist seine Schwester verschwunden. Von Schuldgefühlen zerfressen zieht er sich immer mehr in seine eigene Welt zurück und versucht seinen Schmerz durch Autoaggressionen zu lindern.

Als sich Alice und Mattia zum ersten Mal in der Schule begegnen, sind sie auf unerklärliche Weise voneinander fasziniert, sodass sich aus einer flüchtigen Begegnung eine jahrelange, wenn auch etwas gehemmte Freundschaft entwickelt. Ein weiterer Schritt aufeinander zu könnte so leicht sein, doch Alice und Mattia sind nicht so wie andere und leben in einer Welt, die es ihnen nicht einfach macht, aus ihrer Haut zu schlüpfen…

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Ich hätte mich gerne von der Begeisterung vieler Rezensenten anstecken lassen, doch jetzt, nachdem ich das letzte Kapitel gehört habe, lässt mich das (Hör-)Buch mit gemischten Gefühlen zurück.

Daniel Brühl macht seine Aufgabe als Sprecher sehr gut. Es ist angenehm, seiner ruhigen und klaren Stimme zuzuhören und durch seine Betonung verleiht er den Worten eine angemessene Lebendigkeit. Abgesehen von den positiven Kritiken war es seine Art vorzulesen, die mich davon überzeugte, dieses Buch lieber zu hören anstatt es selbst zu lesen. Bezüglich des Sprechers ist „Die Einsamkeit der Primzahlen“ also durchaus empfehlenswert!

Allerdings kann mich der Inhalt nicht ganz überzeugen. Seinen Protagonisten entsprechend  beschränkt Giordano die Handlung auf deren Innenwelt. An vielen Stellen wirkt das Geschriebene poetisch und nachdenklich, an vielen anderen sind die Beschreibungen jedoch abstoßend und hart. Letzteres gefällt mir sprachlich nicht, ist jedoch nicht ausschlaggebend für meine Kritik.

Vielmehr stört mich, dass Giordano es sich als Autor stellenweise sehr einfach macht. Konflikte in der Außenwelt, so z.B. die direkten Folgen des Verschwindens von Mattias Schwester und brenzlige Situationen, in denen Alices Magersucht ans Licht zu kommen droht, werden von ihm totgeschwiegen.
Werden eben jene Konflikte im einen Moment noch ausführlich beschrieben und nahezu bis zum Höhepunkt gesteigert, enden sie schließlich im Nichts. Man erfährt nicht, wie die tragischen Momente ausgehen, sondern wird stattdessen in die Zukunft der Handlung katapultiert. Im einen Moment hat Alice ihr erstes Date mit scheinbar tragischem Ausgang, im nächsten ist sie bereits verheiratet.

Bei diesem Aufbau habe ich besonders die nachvollziehbare Entwicklung der Charaktere vermisst. Im Grunde verändern sie sich nicht und leben stattdessen das ganze Buch über in der Welt, die in ihrer Kindheit ihren Ursprung fand. Auf der einen Seite wirkt das eindringlich und beklemmend, auf der anderen auch etwas unglaubwürdig.
Mattia versteckt seine Wunden nicht. Er verletzt sich in der Öffentlichkeit, trägt gut sichtbare Narben an den Händen und trotzdem gerät er deswegen kein einziges Mal in Bedrängnis. Weder seine Eltern, noch die Lehrer schreiten ein und jahrelang spricht ihn niemand darauf an. Es ist einfach so.
Alices Ehemann spricht seine Frau erst dann auf ihre Magersucht an, als sie schon monatelang vergeblich versuchen ein Kind zu bekommen. Er ist Arzt, kennt das Krankheitsbild und die Folgen genau und trotzdem lässt er sich untersuchen, um die mögliche Ursache für die Kinderlosigkeit herauszufinden.
Diese Passivität unterstreicht zwar die Konzentration auf Alices und Mattias Seelenleben, reduziert die Handlung jedoch auf ein Minimum und wirkt zudem unglaubwürdig und stellenweise unausgereift.
Dass es sich Giordano leicht macht, indem er Konflikte außerhalb des Innenlebens nicht ausführt, bestätigt sich für mich auch in dem unbefriedigenden Ende des Buches, das im Grunde nur aus einer Situation besteht, die auch irgendwo auf den Seiten zuvor schon hätte aufkommen können und teilweise sogar schon so vorgekommen ist.

Alles in allem hat Paolo Giordano ein Buch geschrieben, das sich auf sehr eindringliche Weise mit den Themen Einsamkeit und psychosozialen Störungen auseinandersetzt. Es gibt darin viele Stellen, die mich fasziniert und berührt haben. Allerdings leidet die Handlung unter der Konzentration auf das Innenleben immens.
Giordano versteht es zwar, Gefühle auf sanfte und zugleich erschreckende Weise zu beschreiben, doch alles, was außerhalb der Gefühlswelt passiert und zur Entwicklung der Charaktere beitragen könnte, wird im Keim erstickt oder nur halbherzig ausgeführt.

Daniel Brühl ist als Sprecher absolut empfehlenswert, das Buch selbst empfehle ich jedoch nur mit Einschränkung.

© Ada Mitsou

erhältlich bei audible.de / 17,95 € / 6 Std. 17 Min. (gekürzt)

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