Schlagwörter

, , , , , , ,

Manche Dinge im Leben sind schwer zu begreifen. Man kann sie weder sehen noch anfassen und trotzdem sind sie da. Das Gestern ist eines dieser Dinge und als die kleine Loretta Koschke eines Morgens aufwacht, verspürt sie den unbändigen Drang diesem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Wie sieht dieses Gestern aus? Und wohin geht es, wenn das Heute beginnt?

Um das Gestern zu finden, unternimmt Loretta einen Streifzug durch ihre Wohngegend und begegnet dabei allerhand Menschen und Tieren, die sie neugierig nach dem Gestern fragt. Doch keiner von ihnen kann Loretta eine zufriedenstellende Antwort geben, bis sie endlich nach vielen, vielen Stunden jemanden trifft, der genau das kann…

~

Nicht nur die Ereignisse in diesem Buch sind ungewöhnlich, sondern auch Loretta selbst. Mit ihren strubbeligen schwarzen Haaren und einer großen runden Brille auf der Nase macht sich die kleine Heldin auf den Weg, um den Geheimnissen des Lebens auf den Grund zu gehen. Sie lassen ihr einfach keine Ruhe, die Fragen des Alltags, und so ist ihre Mission nicht nur spannend, sondern auch philosophisch angehaucht.

Maja Bohn baut in den scheinbar kindlichen Text viele kluge Sätze und Erkenntnisse ein. „Das Leben ist zu kurz, um sich mit dem Gestern aufzuhalten“, sagt der geschäftige Hamster, der wie wild in seinem Laufrad strampelt. „Wie kannst du was vermissen, was du nicht kennst?“, fragt der Dorfsheriff und schüttelt verständnislos den Kopf. Und als Loretta der Eintagsfliege begegnet, muss sie verwundert feststellen, dass ein Tag manchmal ein ganzes Leben sein kann.

Diese kleinen Weisheiten, die sich wie nebenbei in den Text einfügen, machen das Buch in meinen Augen zu etwas Besonderem und auch die Erklärung, die Loretta am Ende bekommt, ist zwar einfach gesprochen, aber im Kern wunderbar wahr und plausibel.
Doch der Weg dahin ist lang und kompliziert, denn manche Dinge lassen sich nicht einfach so erklären und nicht jeder macht sich so viele Gedanken wie Loretta.

Die Gestalten, denen das Mädchen begegnet, sind ungewöhnlich und Lorettas Ausflug gleicht einer Reise ins Land der Phantasie. Sie trifft eine wunderschöne Schmetterlingsdame, die lieber wieder eine dicke Raupe wäre, einen Zauberer mit französischem Akzent, dessen Sprüche stets das Falsche herbeizaubern und ein rotes Etwas mit Fühlern, das ungeduldig durch die Galaxie reist. Lorettas Geschichte steckt voller Überraschungen, die durch zahlreiche Illustrationen Form annehmen.

Maja Bohns Technik ist dabei ebenso ungewöhnlich wie das Erzählte. Sie spielt mit Farben und Perspektiven und verleiht den Figuren mit wenigen Pinselstrichen Charakter. So wirkt Loretta rein optisch wie eine kleine neugierige Streberin. Der Sheriff ist ein dickbäuchiger, rauer Kerl und die Schmetterlingsdame hat Kulleraugen mit langen Wimpern. Diese Details machen die Eigenschaften der Figuren rund und ergänzen den Text prima.
Erzählt wird die Geschichte übrigens aus Lorettas Sicht und die Wortwahl ist genau wie die Art des Mädchens eine Mischung aus kindlichem Geplapper und etwas anspruchsvolleren Sätzen.

Zusammenfassend ist „Mama, wo ist eigentlich das Gestern hin?“ ein Bilderbuch mit Gehalt. Sowohl die Thematik als auch die textliche Umsetzung sind anspruchsvoller, als man es von einem Bilderbuch erwartet, weshalb sich das Buch zum Anschauen zwar sehr gut für kleine Kinder eignet, es sich vom Verständnis her jedoch eher an etwas ältere Kinder und Erwachsene richtet.
Phantasievolle Illustrationen, abenteuerliche Ereignisse und kluge Sätze vereinen sich hier zu einem Kinderbuch, das mir gut gefallen hat und mit seiner Art aus der Masse der klassischen Bilderbücher heraussticht.

Altersempfehlung: ab 5 Jahren

© Ada Mitsou

40 Seiten / 14,95 € ~ Hinstorff Verlag (28. Januar 2011) ~ ISBN: 335601420X

Advertisements