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Der kleine Petter ist anders als die anderen. Während seine Altersgenossen vergnügt miteinander spielen, steht er lieber etwas abseits und beobachtet sie dabei. Überhaupt verbringt er seine Zeit am liebsten allein und da seine Mutter berufstätig ist, kommen ihm die ruhigen Nachmittage sehr gelegen. In diesen Stunden denkt er sich die wildesten Geschichten aus. Sein Kopf scheint im Sekundentakt neue Ideen hervorzubringen, doch zu Papier bringen kann er sie nicht, denn sobald er eine Idee auch nur im Ansatz niederschreibt, funken ihm tausend neue Einfälle dazwischen.

Es dauert eine Weile, bis sich Petter diese Gabe zunutze machen kann. Was mit einfacher Hausaufgabenhilfe beginnt, mündet letztlich in einem ausgeklügelten System, indem er verschiedenen Autoren seine Romanideen verkauft. All die Jahre wissen die Kunden nichts voneinander, bis  Petter eines Tages um sein Leben bangen muss…

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Zwei Aspekte haben mich bei diesem Roman überrascht:

1. Gaarders Schreibstil wirkt ungewohnt distanziert auf mich. Zwischen den Zeilen liegt eine Kühle, die nicht unangenehm ist, mir aber doch das Gefühl gibt, dass ich das Geschriebene mit einem gewissen Abstand miterlebe. Ich habe mich während des Lesens zeitweise gefühlt, als schaute ich auf die Personen herab, so als würde ich ein Modell betrachten und jede Veränderung ohne viel Gefühl, aber doch aufmerksam wahrnehmen.

2. Trotz dieser Distanz konnte mich die Geschichte um Petter schnell fesseln. Die ersten Seiten – eine Art Prolog – sind etwas wirr, doch sobald Petter beginnt, die Ereignisse innerhalb der Handlung chronologisch niederzuschreiben, kann man dem Erzählten gut folgen. Ohne Mühe glitten meine Augen über die Buchstaben und das, was Petter zu erzählen hatte, übte einen Sog auf mich aus. Ich weiß nicht, ob dieser Sog durch die einfache, fließende Schreibweise oder den Inhalt ausgelöst wurde, doch wahrscheinlich war es eine Mischung aus beidem.

So einfach der Stil auch ist, so phantasievoll und streckenweise auch faszinierend ist Petters Geschichte. Er ist von klein auf anders als andere Persönlichkeiten und flüchtet sich in eine Welt, die aus Träumen und der Kunst des Fabulierens besteht. Eingestreute Geschichten gewähren dem Leser Einblicke in Petters Kopf und verdeutlichen, warum er seine Phantasie wesentlich interessanter findet als den Kontakt zu anderen Menschen.
Die reale Welt, das, was um Petter herum geschieht, berührt ihn nicht. Stattdessen vergnügt er sich mit einem kleinen, verhutzelten Männchen, das ihn jede Nacht im Schlaf besucht und gibt sich vollkommen seinen Gedanken und Geschichten hin.

Was in Petters Kindheit noch recht abenteuerlich wirkt, entwickelt sich mit zunehmendem Alter zu einem Geschäft, das sein Einkommen sichert. Auch hier geht er keiner gewöhnlichen Arbeit nach, sondern macht aus dem einzigen, was er besitzt, Gold. Seine Phantasie wird zu einem verkäuflichen Produkt, das zwar viele Abnehmer findet, letztlich jedoch auch die Schlinge um seinen Hals enger zieht.

Das Ende der Geschichte habe ich so nicht erahnen können. Gaarder legt in der zweiten Hälfte des Romans Spuren, die in viele verschiedene Richtungen führen können und nichts Konkretes verheißen. Allerdings folgt auf den letzten Seiten eine Wendung, die das große Geheimnis dann doch offen legt, sodass sich die Ereignisse zwar anders entwickeln als man zuvor dachte, sie zugleich aber auch vorhersehbar werden. Die Geschichte verliert hier das Undurchschaubare, was die Handlung zwar nicht kaputt macht, sie in meinen Augen aber etwas zu gewöhnlich wirken lässt.

Alles in allem handelt es sich bei „Der Geschichtenverkäufer“ um ein Werk von Jostein Gaarder, in dem es weniger um Philosophie als um die Macht der Phantasie und die Kritik am Geschäft mit selbiger geht. Zwischenmenschliche Beziehungen stehen vorerst im Hintergrund, spielen schließlich aber doch eine tragende Rolle.
Ich habe diesen Roman gerne gelesen, weil er auf mich anders und streckenweise auch besonders wirkt, doch ich kann mir vorstellen, dass die Meinungen hier weit auseinander gehen können.

© Ada Mitsou

272 Seiten / 9,90 € ~ dtv (1. Oktober 2004) ~ ISBN: 9783423132503

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