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„Die Leser sollen die Lektüre des Romans genießen und sich gut unterhalten. Ich möchte, dass die Geschichte sie berührt, denn Schreiben ist für mich zuallererst Geschichtenerzählen.“

Diese Aussage hat Khaled Hosseini in einem Interview getroffen, das dem Anhang meiner Ausgabe von „Drachenläufer“ beigefügt wurde. Die Ausgabe ist mittlerweile vergriffen, doch ich habe den Roman genau so gelesen – als eine Geschichte, die jemandes Phantasie in Anlehnung an historische Ereignisse und persönliche Erfahrungen entsprungen ist.
Aus diesem Grund bewerte ich vor allem die fiktionale Seite des „Drachenläufers“, denn auch wenn Afghanistan, einer der Handlungsorte des Romans, in den meisten Köpfen politische Assoziationen hervorruft, verstehe ich das Geschriebene nicht als politischen Roman. In meinen Augen werden die politischen Konflikte und vor allem ihre Folgen zwar inhaltlich angerissen, doch die Thematik spielt sich auf einer anderen Ebene ab: Es geht um die Menschlichkeit mit all ihren schillernden, aber auch grausamen Seiten.

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Kabul Anfang der 70er Jahre: Amir und Hassan verbindet eine innige, aber ungewöhnliche Freundschaft. Während Amir zur höheren Gesellschaftsschicht Afghanistans gehört, bildet Hassan aufgrund seiner ethnischen Wurzeln das Schlusslicht. Er und sein Vater sind die Dienstboten von Amirs Familie und während Amir in einer Villa wohnt, haust Hassan in einer ärmlichen Lehmhütte hinter dem Haus.

Trotz dieser sozialen Kluft liebt Hassan seinen Freund bedingungslos, wohingegen Amir es nicht immer schafft, über seinen Schatten zu springen. Er fühlt sich Hassan zwar verbunden, nutzt jedoch zugleich dessen mangelnde Bildung zum eigenen Vorteil und verleugnet ihn vor den anderen Jungen aus seinen Kreisen.

Dieser Konflikt erreicht seinen Höhepunkt, als Hassan eines Tages seine Loyalität unter Beweis stellen möchte und dabei in eine furchtbare Situation gerät, die sein Leben drastisch verändert. Amir könnte ihm helfen, doch er erstarrt in der Rolle des stummen Zeugen und schaut zu, während seinem eigentlich besten Freund etwas ganz und gar Schreckliches passiert.
Von immensen Schuldgefühlen zerfressen versucht Amir das Geschehene zu vergessen, bis er 20 Jahre später einen Anruf bekommt, durch den er seine Schuld endlich begleichen könnte…

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„Drachenläufer“ startet stark. Der erste Teil des Buches, in dem es um die Kindheit der Jungen in einem noch unberührten Afghanistan geht, ist randvoll mit warmen Eindrücken und sinnlichen Naturbeschreibungen. Während des Lesens habe ich Streifzüge durch ein mir fremdes Land gemacht, exotische Früchte gekostet und war Gast in Amirs Haus.
Ich habe eine Kultur kennen gelernt, die wenig mit meiner eigenen gemeinsam hat, jedoch sehr interessante Einblicke in die islamische Gesellschaft gewährt.

Abseits dieser Eindrücke bietet sich dem Leser eine Fülle von Emotionen. Amir kämpft vergebens um die Aufmerksamkeit und Zuneigung seines Vaters. Zugleich rührt einen Hassans Gutmütigkeit und seine bedingungslose Loyalität gegenüber Amir. Der jedoch ruft mit seiner bisweilen gemeinen Art ein Wechselbad aus Verständnis und Abneigung hervor. Schönheit und Grausamkeit stehen sich hier direkt gegenüber, wobei mich vor allen Dingen das, was Hassan passiert, und dessen Folgen tief bewegt haben.

Leider flacht diese Intensität im zweiten Teil des Buches ab. An dieser Stelle begleitet der Leser Amir und seinen Vater in die USA, wo sich die beiden aufgrund der politischen Situation in Afghanistan ein neues Leben aufbauen. Gespickt mit einer Brise Kitsch plätschern die Ereignisse ein wenig vor sich hin und vermögen weit weniger zu berühren als das zuvor Erzählte. Dieser Teil des Buches liest sich zwar leicht und unterhaltsam, hat mein Herz jedoch nicht vollends erreichen können.

Der letzte Teil hingegen knüpft annähernd an die Intensität des ersten an. Zerstörung, Angst und Brutalität vermögen den Leser zu erschüttern. Afghanistan hat sich verändert, ebenso die Menschen, die dort leben und die Figuren des Romans…
Das Ende birgt hier und da stereotype Muster in sich und hätte für meinen Geschmack etwas mehr in die Tiefe gehen können, doch im Ganzen ist „Drachenläufer“ ein Buch, das in vielen Momenten das Herz aufwühlt.

Wer mehr über die politische Situation Afghanistans erfahren möchte, wird vielleicht enttäuscht sein, doch als Denkanstoß und groben Überblick reichen die historischen Umrisse aus.
Wer sein Augenmerk auf die menschlichen Beziehungen und damit verbundenen Emotionen legt, wird von „Drachenläufer“ sicherlich beeindruckt sein. Ich habe dieses Buch sehr gerne gelesen und währenddessen eine Fülle von mitreißenden Gefühlen erlebt wie selten zuvor.
In diesem Sinne eine klare Empfehlung meinerseits!

© Ada Mitsou

385 Seiten / 10,95 € ~ Bvt (8. September 2007) ~ ISBN: 9783833301490

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