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Per Zufall bin ich heute auf ein Interview mit Iris Radisch bei der Internetpräsenz der Basler Zeitung gestoßen. Die ZEIT-Redakteurin und Moderatorin der Literatursendung „Literaturclub“ (SF) beantwortet darin Fragen zu ihrer Literatursendung im Speziellen, aber auch zu Literatur im Fernsehen im Allgemeinen. Aktuell ist das Interview sicherlich nicht mehr, da es Anfang 2009 geführt wurde, doch während des Lesens bin ich auf eine Aussage gestoßen, die mich zum Nachdenken angeregt hat:

BZ: […] Sind Internet-Kritiker eine Konkurrenz für Zeitungskritiker?
I.R.: Mir selber sind Internet-Kritiken nicht fundiert genug. Ihnen fehlt die professionelle Basis von Wissen und Erfahrung, um Bücher in einen kulturhistorischen oder aktuellen Kontext stellen zu können. Solche Internet-Kommentare sind blosse Geschmacksurteile. Völlig subjektiv. Mir würde das nicht reichen, aber das letzte Wort hat der Nutzer. Zurzeit gibt es keine Indizien, dass Internet-Kritiken uns schaden würden.

Das ist in diesem Fall natürlich die ganz persönliche Meinung von Frau Radisch, allerdings stelle ich in Frage, ob Internetkritiken in der heutigen Zeit wirklich einen so verhältnismäßig geringen Wert haben und der Vorwurf bezüglich mangelnder Qualität gerechtfertigt ist.

Ich lese ab und zu gerne  Zeitungskritiken und staune nicht selten über die vielschichtigen Sichtweisen der Kritiker. Andererseits fühle ich mich von derart wissenschaftlichen Blickwinkeln selten berührt.
Das Lesen eines Buches, einer fiktiven Geschichte ist für mich untrennbar mit Emotionen verbunden. Ein Roman besteht nicht nur aus aneinandergereihten Wörtern, Satzkonstruktionen und guter Recherche. Diese Aspekte sind für mich nur die Mittel, die dazu dienen, das zu transportieren, was einen Roman ausmacht: Den Inhalt und dessen Wirkung auf den Leser.
Ich möchte das Handwerk des Schreibens an dieser Stelle nicht abwerten. Ohne guten Stil ist auch der interessanteste Inhalt nicht überzeugend und eben jenes banal klingende Aneinanderreihen von Wörtern ist eine Kunst für sich, doch es gibt in meinen Augen noch viel mehr als das.

Genau dieses „Mehr“ – die im Leser ausgelösten Gefühle, der Denkanstoß, der dadurch in Gang gesetzt wird, der unbändige Wunsch über das soeben Gelesene zu diskutieren oder sich über die Hintergründe zu informieren – vermisse ich bei Zeitungskritiken oft. Während diese meist ein wenig distanziert und elitär wirken, machen gerade die „Geschmacksurteile“, die Radisch kritisiert, die Besprechung eines Buches für mich lebendig. Sie laden dazu ein, sich nicht nur mit dem Geschriebenen und dessen kulturhistorischem oder aktuellem Kontext auseinanderzusetzen, sondern vor allen Dingen auch mit der Meinung anderer Leser, die ähnlich oder auch vollkommen anders empfinden.

In diesem Sinne halte ich die Gegenüberstellung von Zeitung und Internet für einen schlechten Vergleich. In meinen Augen stellen beide Formen einen wichtigen Bestandteil der Literaturkritik dar. Das eher wissenschaftlich geprägte Auseinandernehmen eines Romans und die subjektiven Meinungen bezüglich der Wirkung ergänzen sich auf bereichernde Weise. Das Zurateziehen unterschiedlichster Meinungsformen eröffnet einem neue Perspektiven und bietet die Möglichkeit sich ein ganz persönliches, vielseitiges Bild von einem Buch zu machen, das man eventuell kaufen möchte.
Kann dann eine dieser Formen weniger wert sein? (Sofern es sich bei den Onlinekritiken nicht um Ein-Satz-Kommentare ohne Gehalt oder manipulative Deckmantelrezensionen handelt.)

Wie steht ihr dazu?

Lest ihr gerne Zeitungskritiken? Nehmen diese für euch einen höheren Stellenwert ein als z.B. eine Leserkritik auf einem Blog oder diversen Literaturportalen? Welche Macht schreibt ihr Onlinekritiken zu? Und welche Form der Rezension erreicht eurer Meinung nach mehr interessierte Leser?

Ich bin sehr gespannt, was ihr dazu zu sagen habt!

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Links zum Thema:

Sigrid Löffler über Netz-Rezensionen und Service-Journalismus

Simone Schwalm über Selbstprofilierung im Internet durch Literaturkritik

Spiegel Online  über die Manipulation durch Internetrezensionen

Die NZZ über die Demokratisierung der Kritik

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