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„Go ist das Spiel der Lüge. Man umzingelt den Feind mit Trugbildern, man zielt auf die einzig echte Wahrheit, den Tod.“

Zur Zeit der Mandschurei-Krise in den 1930er Jahren gewähren zwei Ich-Erzähler Einblicke in ihr Leben. Er ist ein japanischer Soldat, sie eine chinesische Go-Spielerin. Während er ihren sterbenden Landsmännern in die Augen blickt, führt sie Kriege auf dem Spielfeld. Beide beherrschen ihr Tun perfekt und finden auf den Schlachtfeldern eine Erfüllung, die ihrer Existenz einen Sinn gibt.

An dem Tag, an dem sich die beiden zum ersten Mal begegnen, wissen sie nicht, dass sie eigentlich den Feind vor sich haben. Mit ausdruckslosen Gesichtern sitzen sie sich am Spieltisch gegenüber und erkunden hinter ihren Masken die Seele des anderen. Zug um Zug entblättert sich die Fassade und  ein Taumel der Gefühle drängt zunehmend an die Oberfläche…

Wie bei einer Partie Go wechseln sich die beiden Erzähler in einem konstanten Rhythmus ab. In aufeinander folgenden Kapiteln schildern sie ihren Alltag und offenbaren ihre Eindrücke und die Gefühle, die sie bewegen.

Die chinesische Go-Spielerin ist gerade mal 16 Jahre alt und bereits jetzt eine Virtuosin auf ihrem Gebiet. Voller Energie setzt sie ihr Können ein und spielt zugleich mit ihren weiblichen Reizen, die sie erst nach und nach für sich entdeckt. Doch das Erwachsenwerden birgt nicht nur betörende Facetten in sich, sondern wühlt Herz und Verstand gleichermaßen auf.

Der Soldat hingegen strebt nach der Ehre, für sein Vaterland zu sterben. Mit seinen 24 Jahren hat er es beim Militär weit gebracht und zieht ergeben in jede Schlacht, die seinen Mut erfordert. Trotz dieser Kampfbereitschaft hat er seine Menschlichkeit nicht verloren und auch wenn sie tief in seinem Soldatenherz vergraben liegt, schimmert sie immer wieder zwischen Gewehrschüssen und Fußmärschen hindurch.

Als sich das Mädchen und der Soldat zum ersten Mal begegnen, verweben sich die zuvor unabhängigen Erzählstränge ineinander. Auf sehr poetische Art lässt Shan Sa den Leser an den Ereignissen teilhaben und entführt einen nicht nur in eine fremde Kultur, sondern auch ins Innerste der Romanfiguren.

Den Schreibstil empfand ich auf den ersten Seiten noch sehr gewöhnungsbedürftig. Kurze Sätze reihen sich aneinander und wirken auf den ersten Blick sehr abgehackt. Doch je weiter ich der Handlung folgte, desto tiefer drangen die Worte in meine Seele. Man muss sich auf den Stil einlassen, um die melancholische Schönheit hinter den Bildern zu erkennen. Gelingt einem dies, offenbart sich dem Leser eine sehr fesselnde und faszinierende Geschichte um zwei Menschen, die vollkommen verschiedene Leben führen und trotzdem einander berühren.

„Die Go-Spielerin“ ist in meinen Augen ein Buch, das den Leser auf ungewöhnliche Weise erreicht. Sich auf den Stil einzulassen ist kein müheloses Unterfangen, doch sobald man diese Hürde überwunden hat, möchte man das Buch am liebsten nicht mehr zu Seite legen. Im Laufe der Handlung entfaltet sich eine sprachliche Macht, die einen gefangen nimmt und die Geschichte selbst vermag trotz minimaler Schwächen zu berühren.
Shan Sas Roman ist vielleicht kein Buch für jedermann, doch für mich ist er wie ein traurig-schönes Märchen, das einen unerklärlichen Sog ausübt.

© Ada Mitsou

252 Seiten / 8,95 € ~ Piper (Januar 2008) ~ ISBN: 9783492240338

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