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Monas Sommerferien gehören zu der schönsten Zeit ihres Lebens. Jedes Jahr verbringt die siebzehnjährige Rumänin zwei Wochen mit ihren Eltern am Schwarzen Meer, bevor sie alleine in die Berge reist, um die restliche Zeit bei ihren Verwandten zu verbringen. Mona liebt das beschauliche Dorf am Fuße der Karpaten, in dem sie einen Großteil ihrer Kindheit verbracht hat. Die Luft ist kühl und klar, Ringelblumen säumen die Wegränder und die Kinder des Dorfes spielen ausgelassen auf den Straßen.

Doch in diesem Jahr verändert sich Monas Leben auf aufregende, aber auch gefährliche Weise. Sie verliebt sich unsterblich in Mihai, dessen Freundin bei einer Bergwanderung ums Leben kam.
Zeitgleich leidet das Land zunehmend unter der Diktatur Ceausescus. Durch dessen Wirtschaftspolitik plagen Armut und Hungersnot die rumänische Bevölkerung. Zudem bespitzelt die Geheimpolizei, auch Securitate genannt, die Bürger auf Schritt und Tritt und verschleppt verdächtige Personen in so genannte psychiatrische Anstalten. Familienangehörige und Freunde verschwinden von einem Tag auf den anderen, bis sie manchmal nach Wochen oder sogar Jahren der Verhöre und Folterungen wiederkommen. Andere hingegen bleiben für immer verschollen.

Auch Monas Familie ist von den politischen Vorgängen betroffen. Ihr Vater, ein anerkannter Universitätsprofessor, engagiert sich im Untergrund und ruft mittels illegaler Flugblätter zur Stürzung Ceausescus auf. Während die Familie unter der ständigen Angst lebt aufzufliegen, wächst in Mona das Misstrauen. Was weiß sie wirklich über Mihai, mit dem sie die schönste Zeit ihres Lebens verbringt? Warum bringt ihr Vater sie in diese gefährliche Lage? Und wie sicher ist ihre Zukunft in einem Land, das zielstrebig auf seinen wirtschaftlichen und politischen Untergang zusteuert?

Als sich die Lage zuspitzt, flieht Mona Hals über Kopf aus ihrer Heimat und lebt fortan mit einer Sehnsucht, die nichts und niemand stillen kann. Bis zu dem Tag, an dem sie zu ihren Wurzeln zurückehrt und mit einer ungeahnten Wahrheit konfrontiert wird…

Domnica Radulescu weiß, wovon sie schreibt, wenn sie in „Zug nach Triest“ Monas Geschichte erzählt. Die Autorin ist selbst gebürtige Rumänin und verließ 1983 ihre Heimat, um sich in den USA ein neues Leben aufzubauen. In ihren Worten spiegeln sich nicht nur die Folgen von Ceausescus Regime wieder, sondern auch die Liebe und Sehnsucht nach einem Land, das tief im Herzen ihrer Protagonistin verwurzelt ist.

In einer sehr poetischen Sprache mit intensiven Naturbeschreibungen lässt sie den Leser an Monas Innenleben teilhaben. Die Siebzehnjährige folgt ihren Gefühlen und trägt diese in Form ihrer leidenschaftlichen Liebe zu Mihai nach außen. Zugleich wirkt sie trotz dieser Impulsivität sehr passiv, da sie selbst wenig zu ihrem Schicksal beiträgt. Die anderen handeln nach ihren Idealen und bringen Mona damit in Gefahr, sodass sie für die Entwicklung der Ereignisse eigentlich nicht verantwortlich ist, jedoch trotzdem die Konsequenzen all dessen ertragen muss.
Entwurzelt und innerlich zerrissen zerschneidet sie das Band, das sie mit ihrer Heimat verbindet und erlebt auf schmerzliche Weise, was es heißt, wenn das Gefühl von Zuhause unerreichbar wird.

Radulescu versteht es, diesen inneren Kampf auf sehr eindringliche Weise zu beschreiben. Die Darstellung von Monas Gefühlen und vor allen Dingen ihrer Träume ist geprägt von sprachlichen Bildern, die in erster Linie die Sinne des Lesers ansprechen. Farben, Gerüche, Berührungen… all das vermag zu beeindrucken und erschafft vor dem inneren Auge Bilder, die nicht immer fließen, aber doch aufwühlen.
Allerdings lässt die Intensität des Erzählten im Laufe der Handlung nach. Mona wird älter, ihre leidenschaftlichen Gefühlsausbrüche lassen nach und der Ton wird gedämpfter. Zwischen den Zeilen macht sich der Alltag breit, wodurch der zuvor beschriebene Kampfgeist und das Temperament verblassen.
Der daran anknüpfende Ausgang der Geschichte ist durchaus stimmig, wurde in meinen Augen jedoch etwas zu kraftlos abgehandelt.

Im Ganzen ist „Zug nach Triest“ ein Roman, der sicherlich nicht jedem Leser zusagen wird. Der Schreibstil erfordert hier und da etwas Geduld, da sich manches wiederholt und anderes recht abstrakt beschrieben wird. Mich konnten die sprachlichen Bilder jedoch für sich einnehmen. Die Geschichte, die hinter den Worten liegt, ist meiner Meinung nach überaus interessant und lädt dazu ein, sich intensiver mit der Geschichte Rumäniens zu befassen. Durch Monas Schicksal und ihre innere Zerrissenheit finden diejenigen, die vor Ceausescus diktatorischer Regierung geflohen sind, ein Sprachrohr und dem Leser wird auf sehr emotionale, aber keineswegs verklärte Art nahe gebracht, was es bedeutet, wenn man die eigenen Wurzeln aufgrund unverschuldeter Umstände kappen muss.

„Zug nach Triest“ ist ein Buch, das mich trotz seiner Schwächen zum Nachdenken angeregt hat, weswegen ich es  zwar nicht uneingeschränkt, aber durchaus dem geneigten Leser empfehlen möchte.

© Ada Mitsou

399 Seiten / 22 € ~ Hoffmann und Campe (Februar 2009) ~ ISBN: 345540118X

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