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Florine ist elf Jahre alt, als ihre Mutter Carlie spurlos verschwindet. Abgesehen von ihrer Handtasche gibt es kein Anzeichen dafür, wo die junge Mutter sich aufhalten könnte. Niemand weiß, ob Carlie einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist oder irgendwann wieder auftauchen wird, doch Florine glaubt nicht, dass sie einfach abgehauen ist. In ihrer Vorstellung wird Carlie irgendwann zurückkommen, es sei denn sie liegt am Grunde des Meeres, weil etwas Schreckliches passiert ist.

Während Florines Vater nach vielen Monaten der Zweifel und Trauer versucht, in den Alltag zurückzufinden, sträubt sich Florine mit jeder Faser ihres Herzens gegen das Vergessen. Sie kämpft für Carlies unsichtbaren Platz in der Familie, leidet unter der Abwesenheit ihrer Mutter und entwickelt sich zu einem äußerst starken, aber auch wütenden Teenager. Florine ist zäh, doch das, was ihr passiert ist, hat tiefe Spuren hinterlassen, sodass sie, gespickt mit kantigen Steinen, ihren ganz eigenen Lebensweg geht…

Diesen Lebensweg, genauer gesagt die kommenden sechs Jahre nach Carlies Verschwinden, beschreibt Morgan Callan Rogers auf gefühlsbetonte, aber auch leichtfüßige Weise. Die Wörter fließen ohne Ecken, an denen man sich stoßen könnte, sodass sich der Roman sehr schnell und leicht lesen lässt. Trotzdem treibt der Inhalt nicht nur an der Oberfläche.

Carlies Verschwinden prägt Florines Entwicklung von der ersten Sekunde an. Unverständnis und Trauer sowie Wut und Trotz machen sich in ihrem Herzen breit und erschweren den Umgang mit ihr, sodass nicht nur Leeman, Florines Vater, aufgrund der Launen seiner Tochter verzweifelt, sondern manchmal sogar der Leser. Florine ist alles andere als umgänglich und doch gibt es viele Menschen, die zu ihr stehen.

Wie eine kleine Familie nehmen die Bewohner des Küstenortes, in dem Florine aufgewachsen ist, an ihrem traurigen Schicksal teil. Florines Großmutter ist die gute Seele, die sich um alles kümmert und ihrer Enkelin Halt gibt. Florines Freunde halten fest zusammen, auch wenn das Erwachsenwerden Probleme in sich birgt. Und selbst jene, die keine engere Bindung zu dem Mädchen haben, kümmern sich um sie, wenn sie Hilfe braucht.
Diese Beziehungsgeflechte wirken wie ein kleiner, in sich geschlossener Kosmos, der Schutz und Geborgenheit bietet und dadurch eine wohlige Wärme ausstrahlt. Trotz der Traurigkeit zwischen den Zeilen habe ich mich während des Lesens sehr wohl gefühlt und konnte vollends in Florines innere und äußere Welt abtauchen.

Allerdings beinhaltet der Roman auch Wendungen, die mir persönlich etwas zu dick aufgetragen waren. Ich möchte an dieser Stelle nicht zuviel verraten, doch besonders zum Ende hin hatte ich das Gefühl, dass bestimmte Ereignisse einen weitestgehend versöhnlichen Ausgang forcieren sollten. Florines Unglück wird noch eine Krone aufgesetzt, woraufhin einen wie zum Trost eine watteweiche Wolke aus versöhnlicher Melancholie und Kitsch umfängt. Das wirkt hintergründig ein wenig konstruiert, fällt im Vergleich zum Rest des Romans jedoch nur wenig ins Gewicht.

„Rubinrotes Herz, eisblaue See“ ist ein Buch über ein besonderes Mädchen, das geprägt von dem Verlust seiner Mutter erwachsen wird. Zwischen den Zeilen steckt viel Traurigkeit, aber auch eine wohlige Wärme, die sich bedingt durch die Herzlichkeit der Figuren über die Ereignisse legt. Während des Lesens taucht man in eine eigene kleine Welt ein, die einen berührt und mit dem Kopf schütteln lässt, zugleich aber auch gut unterhält.
Für mich ist „Rubinrotes Herz, eisblaue See“ kein schwerer Roman – dafür liest sich das Geschriebene zu leicht, allerdings konnte ich mich von den schönen und traurigen Stimmungen tragen lassen, weswegen ich mich bei Morgan Callan Rogers Worten sehr wohl gefühlt habe und das Buch gerne weiterempfehle.

© Ada Mitsou

432 Seiten / 19,90 € ~ Mare (27. Juli 2010) ~ ISBN: 9783866481312

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