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Das eigene Kind ziehen zu lassen ist wohl eine der schwierigsten Prüfungen für Eltern, denn in ihren Augen wird ihr Kind immer ein Kind bleiben, das sie beschützen müssen. Da spielt es keine Rolle, ob es als Zweijähriges glucksend durch die Wohnung tapst oder 18 Jahre später seine ganz eigenen Vorstellungen vom Leben hat. Die Liebe und Fürsorge bleiben gleich, auch wenn das Erwachsenwerden des Kindes eine Menge Konflikte mit sich bringen kann.

Eben jene Veränderung erlebt der Internist Pete Dizinoff gerade hautnah mit. Sein einziger Sohn, sozusagen ein Glückstreffer nach etlichen Fehlversuchen, entgleitet ihm langsam aber sicher.
Während Alec bisher immer der ganze Stolz der Familie war, scheint der 20-Jährige die Probleme nun magisch anzuziehen. Er ist in Drogengeschäfte verwickelt, schmeißt das College, um sich der Kunst zu widmen und verliebt sich ausgerechnet in Laura, die Tochter von Petes bestem Freund. Laura ist fast zehn Jahre älter als Alec und soll als Teenager ihr eigenes Baby getötet haben.

Die Vorstellung, dass sein geliebter Sohn mit einer Kindsmörderin zusammen ist, treibt Pete schier in den Wahnsinn und so versucht er mit allen Mitteln, die Beziehung seines Sohnes abzuwenden – ohne zu ahnen, dass er dabei seine ganze Familie aufs Spiel setzt…

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Anders als man es bei dem Titel des Buches erwarten könnte, geht es in Grodsteins Roman weniger um die Freundin des Sohnes als um die Familie von Pete Dizinoff. Laura ist zwar der Auslöser für die Ereignisse, vorrangig dreht sich jedoch alles um Petes Gedankengänge bezüglich seiner Ehe, dem Verhältnis zu seinem Sohn, aber auch zu den Großeltern und engsten Freunden.

In Form von nahtlos ineinander übergehenden Zeitsprüngen verknüpft er die Vergangenheit mit der Gegenwart. Er erzählt von einschneidenden Erfahrungen und Wendungen in seinem Leben, versucht seine Sorge und Liebe in Worte zu fassen und lässt den Leser an seinen intimsten Gefühlen teilhaben. Das hat zur Folge, dass man Petes Leben hautnah mitverfolgen kann und die Figur durch die Ich-Perspektive greifbar wird.
Ich konnte Petes Sorgen verstehen und lernte gleichzeitig Seiten an ihm kennen, die mir unsympathisch waren. Im Nachhinein machen ihn beide Facetten menschlich.

Diese Menschlichkeit findet man auf jeder Seite zwischen den Zeilen, da das Geschriebene nichts beschönt. Vertrauen und Liebe werden genauso geschildert wie enttäuschte Hoffnungen, Wut und Missgunst.
Die Dizinoffs sind eine Familie wie man sie überall auf der Welt finden kann und doch liest sich deren Geschichte sehr interessant, vielleicht gerade weil man so nah an dem Geschehen dran ist. Eltern werden sich in Petes Sorgen sicher wieder finden, Kinder lernen das Verhalten ihrer Eltern besser zu verstehen und manches erinnert an eigene Erfahrungen mit dem Ehepartner, den Großeltern oder Freunden.
Kurz gesagt: Lauren Grodstein erzählt durch die Augen von Pete eine unaufgeregte Familiengeschichte, die gerade wegen ihrer Alltäglichkeit gespickt mit kleinen und großen Schicksalsschlägen zu unterhalten vermag.

Dass Laura, eben jene berüchtigte Freundin des Sohnes, für lange Zeit nur eine kleine Rolle in dem Roman spielt, hat mich nicht enttäuscht, zumal das letzte Drittel des Buches dann hauptsächlich von ihr handelt. Unbeantwortete Fragen werden beantwortet, die Handlung erreicht ihren Höhepunkt und der Leser verfolgt gespannt den Ausgang der Geschichte. Auf den ersten Blick hat es sich Grodstein auf den letzten Seiten etwas zu leicht gemacht, doch wenn ich so darüber nachdenke, ergibt das Ende durchaus Sinn. Es passt zu dem zuvor Erzählten und wirkt durch die Vorgeschichte stimmig.

Alles in allem habe ich „Die Freundin meines Sohnes“ gerne gelesen, weil der Roman eine Familiengeschichte mit all ihren schönen und weniger schönen Seiten erzählt. Der Schreibstil ist flüssig und unaufgeregt, wobei das Erzählte vertraut und trotzdem unterhaltsam wirkt. In jeder Familie findet man Seiten der Dizinoffs, auch wenn Teile der Handlung sicherlich nicht in jeder Familie vorkommen. Genau diese Mischung aus Alltäglichem und unvorhergesehenen Ereignissen macht „Die Freundin meines Sohnes“ interessant.

© Ada Mitsou

350 Seiten / 21,95 € ~ Klett-Cotta (21. Februar 2011) ~ ISBN: 9783608938968

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