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„Timm Thaler“ erschien erstmals 1962 auf dem deutschen Buchmarkt und gehört wohl zu den populärsten Kinderbüchern des Autors James Krüss. Die meisten kennen die Geschichte von dem kleinen Jungen, der sein Lachen verkaufte, wahrscheinlich aus der 13-teiligen TV-Serie mit Thommy Ohrner, die erstmals 1979 im ZDF ausgestrahlt wurde. Allerdings weicht diese Adaption recht stark vom Original ab und wird dem Buch daher nur teilweise gerecht, weswegen ich jedem geneigten Leser empfehle, das Kinderbuch zur Hand zu nehmen.

Timms Geschichte ist traurig und spannend zugleich:
Bereits in seiner frühesten Kindheit stirbt Timms Mutter und sein Vater verliert seine bisherige Anstellung, sodass Vater und Sohn gezwungen sind, in ein ärmliches Gassenviertel zu ziehen. Da Timms Vater aufgrund seiner neuen Arbeit auf dem Bau wenig Zeit für seinen Sohn hat, heiratet er erneut und gibt Timm dadurch eine neue Mutter sowie einen Bruder.
Was der Vater gut gemeint hat, entwickelt sich für Timm zur Qual: Seine Stiefmutter bestraft ihn gewaltsam und sein neuer Bruder striezt ihn in jeder freien Minute. Die einzigen Lichtblicke sind für Timm die Sonntage, denn da kommt sein Vater nach Hause und zusammen verbringen sie ihre Zeit auf der Pferderennbahn.

Doch das Glück währt nicht lange. Vollkommen unerwartet stirbt Timms Vater und um die Erinnerungen an ihn aufrecht zu halten, treibt sich Timm fortan alleine auf der Rennbahn herum. Eines Tages begegnet er dort einem mysteriösen Herrn mit stechend blauen Augen, der ihm einen Vertrag anbietet: Timm soll Herrn Lefuet sein fröhliches Lachen verkaufen und gewinnt dafür im Gegenzug jede Wette, die er abschließt.
Da der Junge in äußerst ärmlichen Verhältnissen lebt, scheint ihm dieses Angebot nur zu verlockend und in freudiger Erwartung des bevorstehenden Reichtums unterzeichnet er den Vertrag. Doch als Timm daraufhin seiner Freude Ausdruck verleihen möchte, scheinen seine Lippen wie aufeinander geklebt. Kein glucksendes Lachen kann seinen Mund mehr verlassen und sobald er versucht zu lächeln, verzieht sich sein Gesicht zu einer Furcht einflößenden Grimasse.
Timm wird recht bald klar, dass er einen Fehler begangen hat und verbringt die nächsten Jahre damit, seinem verkauften Lachen hinterher zu jagen. Auf seiner Reise begegnet er nicht nur dem düsteren Baron Lefuet, sondern auch vielen neuen Freunden, doch wie er sein Lachen zurückgewinnen kann, will ihm einfach nicht einfallen…

James Krüss greift in „Timm Thaler“ ein altbekanntes Motiv auf: Den Pakt mit dem Teufel. Anders als z.B. bei Goethe ist dieser natürlich kindgerecht gezeichnet, sodass Timm zunächst nicht weiß, dass er es mit dem Teufel persönlich zu tun hat, sondern lediglich mit einem äußerst machtvollen, aber auch unheimlichen und düsteren Charakter. Die obligatorische Hakennase und das tückische Auftreten dürfen da zwar nicht fehlen, doch Religion sowie die Gegenüberstellung von guten und bösen Mächten im biblischen Sinne kommen nur unterschwellig zum Einsatz. Im Vordergrund steht Timms Jagd nach Baron Lefuet und dem verlorenen Lachen. Dabei reist er durch die halbe Welt und erlebt allerhand Abenteuer, deren spannende Wirkung sich langsam, aber kontinuierlich steigert.
Empfand ich die Sprache zunächst noch altmodisch distanziert, konnte mich die Handlung mit jedem weiteren Kapitel für sich einnehmen, sodass ich letztlich selbst ganz gespannt war, wann und wie Timm die Lösung für sein Problem findet.

Die Moral von der Geschichte ist natürlich schnell zu erfassen: Was nützt einem der funkelnde Prunk und Reichtum, wenn man seiner Freude darüber keinen Ausdruck verleihen kann und durch sein unfreundliches Auftreten die Menschen aus seiner Umgebung vergrault? Gar nichts, denn Geld ist bekanntlich nicht alles auf der Welt und wahre Freunde lassen sich nicht erkaufen!
Diese Erkenntnis dürften aufgrund des Handlungsaufbaus sowie Timms eindringlich geschilderter Emotionen auch junge Leser am Ende des Buches gewinnen. Darüber hinaus können Erwachsene ein hohes Maß an Konsum- und Sozialkritik zwischen den Zeilen herauslesen.

Im Ganzen wirkt „Timm Thaler“ auf den ersten Blick ein wenig altmodisch und gerade zu Beginn entfalten die Worte noch nicht ihre volle Sogkraft. Doch je weiter die Handlung voranschreitet, desto spannender wird Timms Geschichte und lädt dazu ein mitzufiebern.
Der Junge selbst ist vielleicht ein wenig naiv, doch das, was einen guten Menschen ausmacht, besitzt er dafür in hohem Maße: Herz, Mut und Freundlichkeit. Das, was bei ihm fehlt, ergänzen seine Freunde und gemeinsam sind sie stärker als der mächtigste Bösewicht, der ihnen je untergekommen ist. Ihre Waffen und somit auch die Aussage des Buches sind einfach, aber wertvoll und aufgrund der zeitlosen Thematik ist das Buch auch in der heutigen Zeit noch hoch aktuell – insofern eine Empfehlung an junge Leser und alle Liebhaber von Kinderbuchklassikern.

Altersempfehlung: ab 12 Jahren

© Ada Mitsou

302 Seiten / 4 € ~ Ravensburger (Februar 2003) ~ ISBN: 9783473542062

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