Schlagwörter

, , , , , , , , , , , , , ,

Simone de Beauvoir
Schriftstellerin und Philosophin
~

Mit dem Lesen von Biografien tue ich mich manchmal etwas schwer. Ich vermisse dabei das Fiktionale, die erfundene Geschichte, die mich gut unterhält und deren Aussage mich bewegt. Das Aneinanderreihen von Daten und damit verbundenen Ereignissen kann mich einfach nicht so sehr fesseln wie ein guter Roman, weswegen so manche Biografie angestaubt in meinem Regal verweilen muss.

Auch der Einstieg in „Sein wie keine andere“ gestaltete sich etwas mühsam, obwohl Simone de Beauvoir eine Schriftstellerin ist, die mich schon oft beeindrucken konnte. Ich seufzte mich durch die ersten 50 Seiten und war kurz davor, das Buch wieder beiseite zu legen, doch dann wendete sich das Blatt. Gefesselt von den Ereignissen wollte ich nun unbedingt weiter lesen und fand meinen Platz in dem Erzählten schließlich doch noch.

Möglicherweise liegt das an Gleichaufs Art und Weise, das Leben der berühmten Schriftstellerin und Philosophin darzulegen. Sie verzichtet auf das sture Nennen von Daten und widmet sich stattdessen zwar chronologisch, aber flüssig geschrieben den Ereignissen in de Beauvoirs Leben. Angefangen bei ihrer Kindheit, über die Zeit an der Universität, bis hin zu der Beziehung zu Sartre und letztlich dem Tod schreibt sie alles nieder, was für de Beauvoir von Bedeutung war. Dadurch begreift der Leser nicht nur den Ursprung und die Motivation deren Handelns, sondern bekommt auch Einblicke in die intimsten Gedanken der Schriftstellerin.

Das dies überhaupt möglich ist, ist vor allen Dingen de Beauvoirs Offenheit zu verdanken. In ihrer mehrbändigen Autobiografie gibt sie vieles von sich preis und verarbeitet in ihren Romanen Erlebnisse und Begegnungen, die sie bewegt haben. Ingeborg Gleichauf orientiert sich an diesen Werken. Sie sind der rote Faden, entlang dessen die Biografie aufgebaut ist, was man an den zahlreichen, aber wohl dosierten Zitaten erkennen kann.

An dieser Stelle lässt sich auch erklären, warum mich der Anfang von „Sein wie keine andere“ nicht sehr fesseln konnte. Ich habe bereits den ersten Teil von de Beauvoirs Autobiografie (Memoiren einer Tochter aus gutem Hause) gelesen und kenne daher die Gedanken und Stimmungen ihrer Kindheit sehr genau. Gleichauf konnte mir diesbezüglich also nichts Neues erzählen, wodurch das Geschriebene für mich keine Spannung aufbauen konnte.

Ähnlich dürfte es den Lesern gehen, die auch die anderen Teile der Autobiografie gelesen haben, denn letztlich hat de Beauvoir ihr Leben durch ihre Werke bereits selbst erzählt. Gleichauf greift die verschiedenen Stationen lediglich auf und gibt ihnen eine ansprechende und informative Form. Ich empfehle dementsprechend, die Autobiografie erst nach der Biografie zu lesen.
Trotzdem habe ich mich nach dem Kindheitsteil nicht gelangweilt, da Gleichauf auch die Hintergründe einbezieht und somit de Beauvoirs Leben weit objektiver schildert als die Schriftstellerin es selbst tut.

Das Bild, das dabei entsteht ist überaus interessant, denn Simone de Beauvoir wird nicht als Heldin portraitiert, sondern als Frau, die durchaus auch ihre Fehler hat und sich in Widersprüchen verstrickt. Selbst jemand wie sie, die der Freiheit und offenen Liebe einen so hohen Stellenwert einräumt, ist nicht vor den Spuren ihrer Herkunft sowie Eifersucht und Verlustängsten gefeit. Gleichauf dringt in de Beauvoirs Gedankenwelt ein, nimmt ihr Handeln und ihre Philosophie unter die Lupe und fördert so zutage, was auf den ersten Blick nicht leicht zu erkennen ist.
Ich schätze de Beauvoir sehr, doch durch die Biografie habe ich auch Züge an ihr entdeckt, die mir weniger sympathisch waren. Zugleich habe ich nun ihre philosophischen Theorien besser verstanden, da Gleichauf diese in verhältnismäßig unkomplizierter Form erläutert.

Diese Vereinfachung begründet sich wohl darin, dass „Sein wie keine andere“ für jugendliche Leser geschrieben wurde. Trotzdem bin ich mir sicher, dass man als Jugendlicher eine gehörige Portion Interesse für die Zusammenhänge und de Beauvoir als Person aufbringen muss, um wirklich Gefallen an dem Buch zu finden. Ansonsten könnte es für den jungen Leser trotz der lebendigen Erzählweise zu trocken sein und gerade in Hinblick auf die Philosophie vielleicht auch zu kompliziert.

Erwachsene Leser werden das Geschriebene sicher leichter einordnen können, vor allen Dingen dann, wenn sie bereits de Beauvoirs Romane gelesen haben. Ich persönliche halte diese Voraussetzung für vorteilhaft, da man sich so bereits mit der Materie vertraut gemacht hat und auch vergleichen kann, ob man die Romane so verstanden hat, wie de Beauvoir es beabsichtigte. Ein Muss ist die Romanlektüre jedoch nicht, da Gleichauf die Inhalte kurz zusammenfasst und sich die Zusammenhänge dadurch auch grob herauskristallisieren.

Im Ganzen ist „Sein wie keine andere“ eine überaus gelungene und sehr gut recherchierte Biografie. Selbst Biografiemuffel wie ich können an dem Buch Gefallen finden, da der Schreibstil sehr lebendig und die Thematik ansprechend aufbereitet ist. „Sein wie keine andere“ greift alle wichtigen Stationen in de Beauvoirs Leben auf, gewährt Einblicke hinter die Fassade und macht dadurch die Zusammenhänge verständlich. In meinen Augen ist dieses Buch also absolut empfehlenswert für all jene, die sich für de Beauvoirs, aber auch für Sartres Leben interessieren.

Anbei noch der Hinweis, dass der Biografie sowohl Bilder als auch eine Zeittafel beigefügt sind.

© Ada Mitsou

300 Seiten / 9,95 € ~ dtv (1. Oktober 2007) ~ ISBN: 9783423623247

Advertisements