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Manchmal nimmt man ein Buch zur Hand, bei dem man schon nach wenigen Seiten weiß, dass es genau das richtige zur richtigen Zeit ist. „Ein winziger Makel“ ist so ein Buch, denn obwohl ich in den letzten Wochen eher langsam gelesen und die aktuelle Lektüre gerne für ein paar Tage auf dem Nachttisch geparkt habe, konnte ich den französischen Bestseller kaum aus der Hand legen.
Die Geschichte hat mich sofort in ihren Bann gezogen und auch, wenn die Sogkraft im Laufe der Handlung ein wenig nachlässt, bin ich der Meinung, dass „Ein winziger Makel“ absolut lesenswert ist.

Um nicht zuviel zu verraten, werde ich den Inhalt an dieser Stelle entgegen meiner Art nicht zusammenfassen. Ich selbst wusste vor dem Lesen nicht mehr, als dass es sich um einen Roman handelt, der ein Familiengeheimnis thematisiert. Dieses Geheimnis, das augenscheinlich mit dem 2. Weltkrieg zu tun hat, offenbart sich dem Leser auf komplexe Weise, denn um seinen Ursprung zu erfahren, muss man eine Zeitreise in die Vergangenheit machen.

Huston bedient sich dabei eines interessanten Stilmittels. Über Generationen hinweg wird die Geschichte rückwärts erzählt. Vier Familienmitglieder kommen zu Wort und jedes von ihnen ist zum Zeitpunkt des Geschehens (frühreife) sechs Jahre alt.
So beginnt die Geschichte im Jahr 2004 mit dem kleinen Sol, der von seiner Mutter bedingungslos geliebt und verwöhnt wird. Sol ist dementsprechend narzisstisch, aber auch clever und streckenweise sogar ein wenig pervers, obwohl diese Beschreibung auf den ersten Blick nicht zu einem sechsjährigen Jungen passen mag.
Auf Sols Eindrücke folgen die des sechsjährigen Randall aus dem Jahr 1982. Der Leser kennt den Jungen bereits als erwachsenen Mann, denn Randall ist Sols Vater. Randalls Mutter Sadie, die bisher nur als Oma und Mutter auftrat, findet ihren Platz als kleines Mädchen im dritten Abschnitt (1962) und deren Mutter Erra, also Sols Urgroßmutter, kommt im vierten und letzten Teil (1944) zu Wort.
Auf diese vielschichtige Weise dröselt sich die Familiengeschichte nach und nach auf.

Das liest sich kompliziert? Ist es auch, denn es kann passieren, dass man im dritten Abschnitt nicht mehr genau weiß, wessen Vater was gemacht hat. Es werden viele Personen erwähnt, die das Leben des jeweiligen Familienmitglieds berühren und diese Vielfalt kann  zu leichten Verwirrungen führen. Allerdings ziehen sich die Hauptfiguren und deren Beziehungen zueinander wie ein roter Faden durch die Handlung, wodurch man die Zusammenhänge gut erfassen kann. Die versteckten Feinheiten laden dazu ein, das Buch nach der letzten Seite noch mal von vorne zu lesen.

Abseits dieser in meinen Augen grandiosen Erzählweise hat der Roman auch inhaltlich etwas zu bieten. Politische Einstellungen thematisieren den Zeitgeist (11. September), verschiedenste Kriege und Konflikte (Deutschland, Libanon und Israel) werden angerissen und historische Eckpunkte beeinflussen den Handlungsverlauf. Im Vordergrund stehen jedoch die Verhaltensweisen der Familienmitglieder, die sich durch deren Kindheiten nach und nach erklären.
Das besagte Geheimnis schwingt unterschwellig immer mit. Es beeinflusst in meinen Augen jedoch nicht alles, was in den nachfolgenden Generationen passiert, wodurch das psychologische Spektrum trotz des gravierenden Auslösers breit gefächert ist.
Ich spreche wahrscheinlich gerade in Rätseln, doch es ist schwierig, die Thematik zu beschreiben, ohne sie des Lesevergnügens wegen beim Namen nennen zu können. Einfach gesagt: Das Geheimnis spielt zwar eine wichtige Rolle, doch die Beziehungen haben psychologisch gesehen noch viel mehr zu bieten.

Im Ganzen ist „Ein winziger Makel“ ein Roman, der trotz winziger Makel eine unwiderstehliche Sogkraft auf mich ausgeübt hat. Sowohl der Aufbau als auch die Thematik sind überaus interessant und der Schreibstil liest sich ungemein flüssig. Kurzum: Es war mir eine Freude, dieses Buch zu lesen und ich empfehle es gerne weiter!

© Ada Mitsou

367 Seiten / 9,95 € ~ rororo (1. Juli 2009) ~ ISBN: 9783499249907

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