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Elia Barceló ist bekannt dafür, dass sie große Geheimnisse in ihre Romane einwebt. Sei es eine mysteriöse Zeitreise, die Spur eines Schriftstellers oder die Suche nach einem Wissenschaftler – immer begibt sich die Hauptfigur auf eine Reise, um den undurchsichtigen Zusammenhängen auf den Grund zu gehen.
Auch in „Die Töchter des Schweigens“ geht es um ein Geheimnis, doch diesmal wissen die Hauptfiguren, um was es geht, während der Leser das Puzzle Stück für Stück zusammensetzen muss.

Die Töchter sind sieben Freundinnen aus Spanien, die zwar sehr unterschiedlich sind, aber stets zusammenhalten. Vor dreißig Jahren hat ein schreckliches Ereignis ihr Leben für immer verändert, doch keine von ihnen hat jemals darüber gesprochen.
Als eine der Freundinnen tot in der Badewanne gefunden wird, sieht zunächst alles nach Selbstmord aus, doch die Polizei glaubt nicht daran. Zu viele Details passen einfach nicht zusammen.
Während die Ermittler lange Zeit im Dunkeln tappen, begeben sich die Freundinnen auf eine Reise in ihre Vergangenheit und legen dabei Erinnerungen frei, die lange Zeit verdrängt wurden und jetzt mit voller Wucht zurückschlagen…

Barceló erzählt die Geschichte auf unterschiedlichen Zeitebenen. In wechselnden Kapiteln erfährt der Leser, was 1974, unmittelbar vor Lenas Tod und danach passiert. Es ist nicht schwer, diesen Sprüngen zu folgen, weil die Inhalte klar gegliedert sind und der flüssige Schreibstil dazu einlädt, am Ball zu bleiben. Zudem sind die einzelnen Erzählstränge wie ein Puzzle, dessen Zusammensetzung den Leser beschäftigt und die Lüftung des Geheimnisses hinauszögert.

Dieses Geheimnis ist im Ganzen jedoch weniger groß, als man zunächst vermutet. Der Leser erfährt schnell, was passiert ist, dennoch bleibt das Geschriebene spannend, da es viele Seiten dauert, bis man erfährt, wer für die Tat verantwortlich ist.
Für einen guten Krimi ist dieser Aufbau zu dürftig. Die Ermittlungen stehen vollkommen im Hintergrund, das Verbrechen ist zu offensichtlich und der Kreis der Verdächtigen zu klein. Wer also glaubt, dass es sich bei „Die Töchter des Schweigens“ um einen spannenden Kriminalfall handelt, liegt falsch.

Vielmehr handelt es sich um einen Roman, der zwar Elemente des Genres aufgreift, jedoch vordergründig die Freundschaft der Frauen und deren Lebensträume thematisiert. Barceló portraitiert jede von ihnen recht detailliert, sodass sie für den Leser greifbar werden und er vollkommen in ihre Geschichte eintauchen kann. Diese Vorgehensweise vermag zu fesseln und in Kombination mit der geheimnisvollen Vergangenheit habe ich mich sehr gut unterhalten gefühlt.

Auch wenn „Die Töchter des Schweigens“ in meinen Augen nicht an Barcelós großen Roman „Das Rätsel der Masken“ heranreicht, handelt es sich dennoch um einen spannenden Schmöker, in dem die Gefühle der Frauen Schicht für Schicht freigelegt werden. Der Leser bekommt Einblicke in ihre Träume als Teenager, erlebt ihre impulsive Lebensfreude und wird zugleich durch deren jähes Ende ernüchtert.
In dem Roman geht es um eine lebenslange, tiefe Freundschaft, um Lebenspläne, die geschmiedet werden und letztlich doch zum Scheitern verurteilt sind.
Wer einen Krimi erwartet, wird sicher enttäuscht sein. Wer jedoch gerne anspruchsvollere Frauenliteratur in Kombination mit geheimnisvollen Krimielementen liest, ist bei Barcelós neuestem Roman gut aufgehoben.

© Ada Mitsou

432 Seiten / 19,95 € ~ Pendo (April 2011) ~ ISBN: 9783866122666

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