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„Little Bee“ hat sich wie ein Lauffeuer in der Literaturblogszene verbreitet. Die Geschichte um das nigerianische Mädchen hat viele Blogger begeistert, sodass meine Neugier schnell geweckt wurde und ich das Buch unbedingt haben wollte. Doch obwohl ich dem Urteil meiner Lieblingsblogger meistens vertrauen kann, will sich die uneingeschränkte Begeisterung bei mir nicht einstellen. „Little Bee“ ist ein sehr interessantes Buch, keine Frage, doch für ein persönliches Highlight reicht es einfach nicht.

Über den Inhalt möchte ich nicht viele Worte verlieren, da ihn die meisten bereits kennen und ich für Unwissende nicht zu viele Details vorweg nehmen möchte. Grob erzählt geht es um Little Bee, ein nigerianisches Mädchen, das aus seiner Heimat fliehen muss, um dem sicheren Tod zu entkommen. Per Zufall hat sie vor einigen Jahren das Ehepaar O’Rourke kennen gelernt, bei dem sie nun in Kingston-upon-Thames (England) Schutz sucht. Die unerwartete Begegnung weckt längst vergrabene Erinnerungen, sodass ein schreckliches Ereignis aus der Vergangenheit den Fortgang der Geschichte auf dramatische Weise beeinflusst…

Der Roman startet viel versprechend. Aus der Sicht der 16-jährigen Little Bee erfährt der Leser, wie es in einem englischen Abschiebegefängnis zugeht, mit welchen Problemen Flüchtlinge zu kämpfen haben und welche Überlebensstrategien am besten sind. Dieser Abschnitt liest sich erfrischend anders. Die Sprache ist poetisch angehaucht, die Ereignisse bewegen und zwischen den Zeilen findet man trotz der Tragik eine Prise Humor und Herzlichkeit.
Darauf folgend bekommt der Leser Einblicke in Sarah O’Rourkes Leben. Die Journalistin musste soeben ihren Mann beerdigen und versucht nun ihrem Sohn zuliebe die Fassung zu wahren. Der vierjährige Charly ist wirklich liebenswert. Tag und Nacht läuft er in seinem Batmankostüm durch die Welt und kämpft auf seine kindliche Art gegen imaginäre Feinde. Doch das wahre Böse kennen nur Sarah und Little Bee.

Das Ereignis, das die beiden miteinander verbindet, schwebt lange Zeit wie eine böse Vorahnung über der Handlung, sodass die Spannung bis zur Mitte des Buches – dem Zeitpunkt, an dem das, was geschehen ist, zur Sprache kommt – erhalten bleibt. Bis hierher sticht einem der Kontrast beider Lebensweisen ins Auge, das Erzählte vermag zu fesseln und die Auflösung berührt und schockiert gleichermaßen.
Doch leider fällt der Spannungsbogen danach rasant ab.

Mit jeder weiteren Seite wuchs in mir das Gefühl, dass der Autor sich in Belanglosigkeiten verliert. Der Fokus, der zunächst scharf und schneidend zu erkennen war, verschwimmt in der zweiten Hälfte des Romans. Little Bee erinnert nur noch schemenhaft an das nigerianische Flüchtlingsmädchen und nimmt zunehmend die Gestalt eines englischen Kindermädchens an. Zwar legen ihre Gedanken und Gefühle den Graben zwischen den beiden Ländern und den damit verbundenen Entwicklungsstufen und Kulturen auf eindringliche Weise dar, doch die Authentizität verblasst und damit einhergehend verliert sich die wichtige Flüchtlingsthematik im westlichen Alltag.

Eheprobleme, Affären und Sarahs Unzufriedenheit im Job drängen sich in den Vordergrund, wobei sich die Hauptfigur nicht selten in Widersprüche verstrickt. Der rote Faden ist nicht länger gespannt, sondern wellt sich schlaff von einem Luxusproblem zum nächsten. Little Bee steht dabei nur am Rande, bringt sich hier und da in den Alltag ein und erinnert lediglich durch ihre tief im Inneren schmerzenden Narben an das, was eigentlich eine Rolle spielen sollte.
Sarah ist mir einfach zu oberflächlich und einfach gestrickt, wodurch das Besondere der ersten Buchhälfte leider etwas verloren geht.

Das Ende des Romans hingegen knüpft wieder an dessen Anfang an, wenn auch auf eine Art und Weise, die sehr konstruiert wirkt. Manche Denkweisen und Entscheidungen ließen mich mit dem Kopf schütteln und mehr als einmal habe ich mich innerlich an denselbigen gefasst.

Trotz dieser ganzen Kritikpunkte ist „Little Bee“ in meinen Augen kein Buch, das man einfach so abtun kann. Die Sprache ist einfühlsam und poetisch, die Thematik rüttelt einen wach und Little Bee ist im Ganzen ein sehr besonderer Charakter. Allein die erste Hälfte des Romans hätte von mir fünf Sterne bekommen, weil der Autor auf erfrischend andere und sehr fesselnde Art an die Thematik herangeht.
Doch leider kann er das Niveau in der zweiten Buchhälfte nicht halten und der Versuch gegen Ende wieder daran anzuknüpfen, wirkt zu konstruiert, so als wolle der Autor plötzlich doch noch an die Flüchtlingsproblematik erinnern und seiner Geschichte mehr Bedeutung geben.

„Little Bee“ liest sich also ganz ansprechend, doch ich hätte mir gewünscht, dass Cleave den Tiefgang und die berührenden Emotionen der ersten Kapitel beibehalten hätte. So flacht die Geschichte in meinen Augen zunehmend ab und kann nur mit vereinzelten Kontrasten und Lichtblicken durch die Gedanken und Gefühle des nigerianischen Mädchens beeindrucken.
Vier bis fünf Sterne für die Figur Little Bee, den Denkanstoß, die Liebenswürdigkeit des kleinen Charly und die schöne Sprache.
Drei Sterne für die vergleichsweise nichtigen Gedankengänge Sarahs, ihre widersprüchliche Art und die konstruierte Handlung.

© Ada Mitsou

320 Seiten / 14,90 € ~ dtv (1. Februar 2011) ~ ISBN: 9783423248198

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