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Die ersten Seiten von „Irgendwie mein Leben“ lesen sich wie ein typischer Frauenroman: Die Endzwanzigerin Mara ist glücklich verheiratet, hat einen tollen Job beim Fernsehen und erwartet zudem voller Vorfreude ihr erstes Kind. Um die Zweisamkeit noch einmal richtig zu genießen, fahren die werdenden Eltern kurzerhand nach Paris und shoppen dort bis zum Umfallen.
Alles ist in rosa Watte getaucht, Maras Ehemann Klaus ist die Verkörperung eines Traummannes und überhaupt erscheint alles nahezu unwirklich perfekt.

An diesem Punkt der Geschichte war ich mir sehr unsicher, ob „Irgendwie mein Leben“ wirklich ein Buch für mich sein könnte. Kitschige Frauenromane habe ich das letzte Mal mit 14 Jahren gelesen, weil man darin so schön abtauchen konnte und alle Teenagerträume wahr wurden. Sobald ich jedoch erkannt hatte, dass jede Geschichte nach Schema F aufgebaut ist und das wahre Leben nur wenig mit den Zuckerwattestories gemeinsam hat, wandte ich mich anderen, vielleicht ein wenig tiefgründigeren Genres zu. Seitdem habe ich keinen solchen Frauenroman mehr zur Hand genommen, abgesehen von „Irgendwie mein Leben“ – dachte ich!
Denn nach diesem etwas weichgespülten Auftakt passiert etwas, dass der unwirklichen Perfektion jegliche Farbe raubt.

Maras Baby stirbt kurz vor dem errechneten Geburtstermin. Bei einer Routineuntersuchung teilt ihr die Ärztin unverhohlen, wenn auch betreten mit, dass Finjas Herz nicht mehr schlägt. Die zerreißend stille Geburt, die kurz darauf folgende Beerdigung und der Alltag ohne das sehnsüchtig erwartete Kind verwandeln Maras Leben in einen Albtraum, der alles um sie herum einstürzen lässt.

Dieser radikale Wechsel hat mich tief berührt. Ich weiß nicht, wie es ist, ein Kind zu verlieren, doch Mila Lippke beschreibt die Vorgänge und Maras Gefühle so einfühlsam und realistisch, dass auch ich deren Trauer nachfühlen konnte.
Die zuvor kritisierten Klischees weichen einer Geschichte, die sehr nah am Leben ist und dadurch glaubwürdig wirkt. Sie bewegt etwas im Leser, sodass mich das Gelesene traurig und wütend zugleich gemacht hat, denn einerseits ist Maras Reaktion, der vollkommene Rückzug in ihre Erinnerungen und das Festhalten ihrer zerbrochenen Träume absolut nachvollziehbar, doch andererseits möchte man sie schütteln, weil Maras Trauer die junge Frau für die Menschen um sie herum blind macht und man mitverfolgt, wie die Schwere nach und nach ihr Leben bestimmt und dadurch alles um sie herum einstürzen lässt.

So deprimierend und traurig dieser Abschnitt auch ist, so blitzt zwischen den Zeilen doch ein bisschen Hoffnung auf. Die Autorin legt sehr viel Wärme in das Geschriebene, sodass man sich beim Lesen trotz des schweren Themas wohl fühlt. Am Ende findet alles seine Ordnung und auch wenn hier erneut die Leichtigkeit der ersten Seiten Einzug hält, scheint diese nun stimmiger.

„Irgendwie mein Leben“ ist und bleibt ein Frauenroman. Der Schreibstil ist schnell und leicht zu lesen und die Handlung beinhaltet durchaus verträumte und realitätsferne Wendungen. Doch in dem Buch steckt mehr als das, da ein Großteil des Erzählten den Leser tief berührt und gefangen nimmt.
Auf erstaunliche Weise gelingt es Mila Lippke, rosa Zuckerwatte mit glaubwürdiger Tiefgründigkeit zu verbinden, sodass man am Ende beinahe erleichtert ist, dass auf die erdrückend realistische Trauer ein paar idealisierte Wendungen folgen. Zurück bleibt ein nachdenkliches, aber auch warmes Gefühl, dass der ein oder anderen Betroffenen vielleicht ein wenig Hoffnung geben kann.

© Ada Mitsou

416 Seiten / 8,95 € ~ Ullstein (15. April 2010) ~ ISBN: 9783548281865

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