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Marco Balzano ist mit seinem Debütroman „Damals, am Meer“ ein wunderbares Portrait dreier Generationen gelungen. Auf anspruchsvolle Weise schildert der Autor das eigenwillige Verhältnis zwischen Großvater, Sohn und Enkel, die gemeinsam eine Reise in ihre Vergangenheit unternehmen. Dabei geht es nicht nur um verlorene Werte, sondern auch um das Gefühl von Heimat…

Vor vielen Jahren lebte die Familie Russo im Süden Italiens. Nicola, der jüngste Spross und gleichzeitig Ich-Erzähler der Geschichte, wurde von seinem Großvater Leonardo großgezogen. Während sein noch junger Vater Riccardo der Arbeit nachging, unternahm Nicola Radtouren mit seinem Großvater, spielte mit seinen Cousins und den Kindern aus der Nachbarschaft und hatte alles in allem eine unbeschwerte Kindheit. Die Wohnung des Großvaters war der Dreh- und Angelpunkt der Familie, denn dort kamen die Russos am Ende des Tages zusammen, um ihre Kinder  abzuholen oder bei einer Zigarette auf dem Balkon ein wenig zu plaudern.

Seit die Familie aufgrund mangelnder Arbeit nach Mailand gezogen ist, bleibt dieser Zusammenhalt auf der Strecke. Die Großeltern sind so fern der Heimat unglücklich, ihre Kinder kommunizieren nur noch in Streitgesprächen und die Enkel gehen längst ihrer eigenen Wege. Da sich keiner von ihnen um die Wohnung am Meer kümmert, verfällt diese zusehends, sodass Leonardo schweren Herzens beschließt, den Schatz seiner Erinnerungen zu verkaufen. Widerwillig treten Riccardo und Nicola die Reise mit ihm an und ahnen dabei nicht, dass es um viel mehr geht als bloß um den Verkauf der Wohnung.

Die Wohnung bringt den Stein zwar ins Rollen und ist vergleichbar mit einer Schachtel, in der alle Kostbarkeiten aufbewahrt werden, doch das Öffnen derselbigen bleibt den Männern überlassen. Sie und ihr Verhältnis zueinander sind der Mittelpunkt des Romans. Die Reise nach Apulien bringt sie einander näher und sie entdecken plötzlich Wesenszüge aneinander, die durch den Alltag in Mailand verschütt gegangen sind. Erst die Rückkehr zu den Wurzeln, die Atmosphäre der alten Heimat und die damit verbundenen Gefühle brechen die harte Schale auf und lassen durch die feinen Risse ein wenig Licht schimmern.

Dieser Prozess wirkt auf Nicola, der sich kaum noch an den Ort seiner Kindheit erinnert, zutiefst verwirrend. Während Großvater und Vater alles nach und nach wiedererkennen, stolpert der Enkel an ihrer Seite durch fremde Eindrücke und schemenhafte Erinnerungen. Er ist der Mann, der am wenigsten in die Vergangenheit involviert ist, aber zugleich auch derjenige, der den Leser an die Hand nimmt.

Die Erzählperspektive hat Balzano in meinen Augen geschickt gewählt, da der Leser durch Nicolas Augen einen sehr persönlichen, zugleich aber auch analytischen Einblick bekommt. Nicola kennt seine Verwandten, entdeckt aber gemeinsam mit dem Leser ungewohnte Charakterzüge an ihnen und nutzt diese als Anstoß, über das Gefühl von Heimat, Entwurzelung und Entfremdung im Allgemeinen nachzudenken. Die Figur Nicola öffnet also den Kreis des Familiären und führt den Leser von dieser Basis in höhere Ebenen.

Was sich hier ein wenig kompliziert liest, offenbart sich in dem Roman auf erstaunlich leichte Weise. „Damals, am Meer“ ist das ideale Buch für laue Sommerabende. Der Leser spürt die Hitze Apuliens auf der Haut; er atmet den Staub der verwinkelten Gassen, ist erleichtert über die kühle Brise des Meeres und wird wie nebenbei nicht nur sinnlich, sondern auch geistig angesprochen.

„Damals, am Meer“ lässt einen still werden, weil man beginnt, über seine eigenen Wurzeln nachzudenken. Zugleich ist man voller Vorfreude, weil man an dieser verheißungsvollen Reise teilnehmen darf. Ich habe oft geschmunzelt, weil Leonardo so ein störrischer, alter Mann ist. Dann wiederum wurde ich traurig, weil dieser starke Mann an dem Abschied von seinem Herzstück zu zerbrechen droht. Genau dieses Wechselbad aus Wärme und Melancholie machen „Damals, am Meer“ für mich so lesenswert, weshalb ich es jedem ans Herz lege, der auf der Suche nach einem Buch mit ganz besonderer Atmosphäre ist.

© Ada Mitsou

224 Seiten / 17,90 € ~ Kunstmann (27. Juni 2011) ~ ISBN: 9783888977268

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