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Seit der Film „Sonnenallee“ 1999 in die deutschen Kinos kam und mit über 2,5 Millionen Besuchern ein Überraschungserfolg wurde, ist die DDR zu einem beliebten Thema diverser Filmemacher geworden. Fast jährlich erscheint ein neuer Spielfilm inklusive des entsprechenden Buches, der sich mit Republikflucht, Ostcharme und/oder dem Stasi-Apparat befasst. Mein Problem ist, dass ich mich durch die Masse der Medien schnell von der Thematik übersättigt fühle, zumal viele dieser Werke mit Klischees arbeiten. Thomas Winkler, der für kinofenster.de rezensiert, drückt es folgendermaßen aus: „Alle erzählen sie ganz bewusst Märchen aus einem versunkenen, mittlerweile von Legenden umflorten Land – und erzählen wohl mehr über den Umgang mit der DDR im wiedervereinigten Deutschland als über die DDR selbst.“

Der vorliegende Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge schlägt zum Glück nicht in diese Kerbe. Entgegen meiner Befürchtung, dass die Handlung mit ausgelutschten Klischees angereichert sein könnte, steht die DDR bei Ruge – je nach Leserblick – nicht zwingend im Vordergrund. Zwar geht es auch um Politik, Partei und Kommunismus, doch im Mittelpunkt steht eine Familie über vier Generationen, deren Vorstellungen vom Leben ähnlich wie die Idee des Sozialismus eine desillusionierende Wende erfahren.

Diese Wende ist nicht bloß eine Parallele zu dem historischen Ereignis, das in dem Roman übrigens erstaunlich wenig Platz einnimmt, sondern viel mehr ein schleichender Prozess, der erst in der vierten Generation seine Vollendung findet. Der Tag neigt sich dem Ende zu, die Sonne versinkt am Horizont und während die letzten Abendstunden noch schemenhaftes Licht spenden, endet der Tag schließlich in Dunkelheit. Demnach ist der Titel von Ruges Roman vortrefflich gewählt.

Das Licht, vergleichbar mit den Idealen und Plänen der Familienmitglieder, nimmt mit jeder weiteren Generation ab. Während die Großeltern Wilhelm und Charlotte nach ihrem Exilanten-Dasein in Mexiko von hohen Stellungen in der DDR träumen und besonders Wilhelm überzeugter Kommunist ist, löst so manche Vorgehensweise der Partei in ihrem Sohn Kurt trotz seiner Stellung als angesehener DDR-Historiker im Stillen ein Zögern aus. Sein Sohn Alexander wiederum sträubt sich mit Haut und Haaren gegen die Lebensweise seines Vaters, entwickelt seine eigene politische Einstellung und flieht vollkommen unerwartet in den Westen. Zurück lässt er seine Exfrau und den gemeinsamen Sohn Markus, der zwölf Jahre nach der Wende keinerlei Interesse an Politik und Geschichte hat und stattdessen lieber auf Droge die Nacht durchtanzt.

Abseits dieses bedeutsamen roten Fadens, der sich geradezu wie ein Familienepos liest, erzielen vor allem die kleinen Schicksale eine enorme Wirkung auf mich. So sucht beispielsweise Irina, Kurts eigenwillige Ehefrau, Trost im Alkohol, weil sich ihre Vorstellung von Familienzusammenhalt nicht verwirklichen will. Ihrer Mutter Nadjeshda hingegen fällt es unglaublich schwer, die Gedanken an ihre Heimat ruhen zu lassen und sich mit dem Leben in Ostdeutschland zu arrangieren.

Es sind die stillen Gedanken und persönlichen Geschichten der Protagonisten, die den Roman so vielschichtig und interessant machen. Dass der Leser diese intimen Einblicke überhaupt bekommt, liegt an Ruges Erzählperspektive. Auf sehr komplexe Weise schildert er die Ereignisse aus der Sicht aller Beteiligten und springt dabei zwischen den Jahrzehnten hin und her. Der Leser begleitet Alexander im Jahr 2001, springt dann in das Mexiko der 50er Jahre, bekommt einen Einblick in Irinas Gedanken Ende der 80er, geht zurück in die 70er, um daraufhin Markus in den 90ern zu treffen.

Diese Perspektivenwechsel sind ein gelungenes Stilmittel, fordern dem Leser jedoch auch ein hohes Maß an Konzentration ab. Gerade zu Beginn fiel es mir schwer zu erkennen, welche Figur gerade an der Reihe ist. Im Laufe der Handlung lässt diese Verwirrung zwar nach, bleibt jedoch nicht vollends aus, sodass ich empfehle, die Kapitel möglichst zeitnah nacheinander und vor allem aufmerksam zu lesen.
Anstrengend ist der Schreibstil im Ganzen jedoch nicht, da sich Ruges Wortreigen überaus angenehm und bisweilen sehr ironisch und auch ein bisschen satirisch liest, ohne dass das Erzählte ins Lächerliche gezogen wird.

Zusammenfassend ist „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ ein Buch, das den historischen Verlauf der DDR eher unterschwellig nachzeichnet, dafür jedoch eine beeindruckende Familiengeschichte erzählt, die einen an mancher Stelle schmunzeln lässt, zugleich aber auch ernst und faszinierend vielschichtig ist. Den Platz auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises  2011 hat sich Ruge in meinen Augen auf jeden Fall verdient!

© Ada Mitsou

432 Seiten / 19,95 € ~ Rowohlt (1. September 2011) ~ ISBN: 9783498057862

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