Schlagwörter

, , , , , ,

„Sterblich“ von Thomas Enger hat eigentlich alles, was ich an einem Thriller mag: Die Handlung spielt im hohen Norden, ihr Verlauf zeichnet sich durch spannungsgeladene Wendungen aus und die Ermittlungen kommen ohne allzu viel Blut und Perversion aus. Trotzdem fehlte mir etwas, von dem ich nicht genau sagen kann, was es ist. Ich folge meinem Bauchgefühl, wenn ich in der Bewertung einen Stern abziehe, was jedoch nicht heißt, das „Sterblich“ für Thrillerfans uninteressant ist.

Henning Juul, Journalist und gleichzeitig inoffizieller Ermittler im vorliegenden Fall, wurde wie so manch anderer Ermittler durch ein einschneidendes Erlebnis geprägt. Dieses Erlebnis hat jedoch weder etwas mit Alkohol noch mit Medikamenten zu tun, wodurch Juul aus der Reihe der stereotypen Protagonisten heraussticht.
An seinem ersten Arbeitstag nach der persönlichen Katastrophe wird Juul zu einer Pressekonferenz geschickt, bei der es um einen grausamen Mord in der Region geht. Eine junge Filmstudentin wurde hingerichtet, indem man ihren Körper beinahe vollständig in die Erde eingrub, sie daraufhin auspeitschte, steinigte und ihr die Hand abschlug. Alles deutet auf einen Ehrenmord hin, doch anders als die Polizei gibt sich Juul nicht so schnell zufrieden. Zu viele Ungereimtheiten deuten darauf hin, dass etwas anderes hinter dem Mord stecken könnte und so ermittelt der Journalist auf eigene Faust. Seine Spurensuche holt viele fehlende Puzzleteile ans Licht, doch zugleich bringt sie Juul in größte Gefahr, sodass er letztlich selbst um sein Leben bangen muss…

Juul ist eine Figur, die durchaus das Interesse des Lesers weckt. Der Journalist hat Ecken und Kanten, die ihn unverwechselbar machen und sein Schicksal ist der ideale Aufhänger für eine ganze Reihe von Fällen, bei denen sich dieses Schicksal als Nebenstrang aufdröseln lässt. Zudem gefällt mir, dass nicht die Polizei den Fall löst, sondern ein sympathischer, wenn auch gebeutelter Journalist.

Nicht so gut gefällt mir hingegen Engers Umsetzung bezüglich der offiziellen Ermittler. Brogeland, Hauptkommissar und ehemaliger Schulkamerad von Juul, ist ein sexistischer Schönling, der nichts anderes im Kopf hat, als seine Kollegin Sandland flachzulegen. Wie ein pubertärer Schuljunge lechzt er der jungen Ermittlerin hinterher und geht mir damit irgendwann ziemlich auf die Nerven. Zwar ahnt man gegen Ende des Buches, dass hinter seinen hohlen Phantasien vielleicht mehr Verstand steckt, als man annehmen möchte, doch im Großen und Ganzen ist Brogeland ein recht flacher Charakter. Besagte Sandland steht dem in Nichts nach, denn von ihr erfährt man so gut wie gar nichts, wodurch sie für den Leser nicht greifbar wird. Beide Charaktere sind zu eindimensional und blass, als dass sie zur Aufwertung des Serienauftaktes beitragen könnten.

Das ist eigentlich schade, denn die Handlung an sich hat durchaus Potential. Unerwartete Wendungen verleihen dem Erzählten gelungene Überraschungsmomente und der Schreibstil liest sich so flüssig, dass man „Sterblich“ gerne ohne große Unterbrechungen lesen möchte. Ich habe mich durch den Handlungsaufbau wirklich gut unterhalten gefühlt, doch letzten Endes fehlte der entscheidende Funken, der mich dazu veranlassen würde, ungeduldig auf den Folgeband zu warten.

Ich hatte keinen „Ja!“-Moment wie bei Jussi Adler-Olsen und war weit weniger fasziniert als bei den ersten Hunter-Fällen. Andererseits ist „Sterblich“ weder langweilig noch unoriginell. Es fehlte einfach nur etwas, von dem ich hoffe, dass ich es im zweiten Teil der neuen Serie finden werde, denn aufgegeben habe ich die Hoffnung noch nicht und vielleicht muss Enger einfach nur ein wenig mehr Schwung holen, um mich als Leserin vollends packen zu können.

Bis jetzt bin ich jedoch der Meinung, dass sich der Thriller zwar spannend liest und einen ungewöhnlichen Helden als Hauptfigur hat, allerdings keinen allzu bleibenden Eindruck hinterlässt. Enger liefert gute Unterhaltung und hat durchaus gute Ideen, doch die Umsetzung ist noch ausbaufähig. Ich bin gespannt, ob ihm das gelingt, denn meine Neugier konnte er letzten Endes trotz der genannten Schwachpunkte wecken.

© Ada Mitsou

416 Seiten / 14,99 € ~ Blanvalet (16. August 2011) ~ ISBN: 9783764503932

Advertisements