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Jeder, der auf dem Land oder in einer Kleinstadt aufgewachsen ist, wird sich in Jan Brandts Debütroman „Gegen die Welt“ wiederfinden. Während des Lesens taucht man in den vertrauten Mikrokosmos mit all seinen skurrilen und stereotypen Bewohnern ein, erspäht die neuschierenden Gesichter hinter den Gardinen, hört die Gerüchte, die sich zwischen Kirchenbank und Dorfkneipe rasend schnell verbreiten und erinnert sich daran, wie es war, als die Klassenkameraden noch der Mittelpunkt der Welt waren.

All das macht Brandt zum Gegenstand seines Romans, indem er die Hauptfigur Daniel Kuper in dem kleinen, ostfriesischen Dorf Jericho aufwachsen lässt. Daniels Vater gehört die örtliche Drogerie, er liebt Wetten und trifft sich wöchentlich mit seinen Kumpels zum Skatspielen oder im Gesangsverein. Daniels Mutter hat mit der Heirat ihre Arbeit aufgegeben und widmet sich nun ganz den Kindern und dem Haushalt. Während sich die beiden mehr oder weniger glücklich in ihre Rollen gefügt haben, streunt Daniel ziellos durch die Gegend, trifft sich mit seinen Freunden und versucht die Langeweile mit Musik, Alkohol und Blödsinn zu vertreiben.

Die Handlung ist nicht ungewöhnlich und doch vermag das Erzählte zu faszinieren. Brandt seziert die Eigenarten des Dorflebens, vermischt sie mit tragischen Elementen, streut eine Prise Übertreibung hinzu und lässt aus dieser Mixtur eine interessante Eigendynamik entstehen.
Stereotype Verhaltensweisen wirken in diesem Fall nicht abgedroschen, sondern machen den Reiz der Handlung aus. Sie schrauben den Spannungsbogen in die Höhe und lenken die Ereignisse in eine absonderliche Richtung, denn Brandt erzählt die Begebenheiten an vielen Stellen nicht einfach so wie sie sind, sondern verpackt sie in mysteriöse Andeutungen und aberwitzige Fantasiekonstruktionen. Das wirkt nicht selten befremdlich, aber auch so geheimnisvoll, dass man einfach weiter lesen muss. Man möchte verstehen, was da vor sich geht und rätselt, welchen Ausgang die Geschichte wohl nimmt.
Am Ende des Romans greift der Autor in die (nicht ganz neue) Trickkiste, was ich persönlich als gelungen und interessant empfunden habe, jedoch so manchen Leser enttäuscht zurücklassen könnte.

Besagte Trickkiste wird übrigens nicht nur auf den letzten Seiten geöffnet, sondern auch hinsichtlich des Stils und der Typografie. Brandt experimentiert, indem er seitenweise zwei Erzählstränge parallel erzählt, deutlich gedruckte und eingenebelte Passagen aneinanderreiht und manchmal nur ein einziger Satz oder eine Frage auf einer Seite steht.
Diese Experimentierfreude könnte den einen oder anderen Leser begeistern, mich jedoch nicht. Die geteilten Seiten mit zwei scheinbar voneinander unabhängigen Handlungen störten meinen Lesefluss und die eingenebelten Passagen, die aufgrund des Druckverfahrens teilweise kaum lesbar sind, hielt ich für einen „Materialfehler“. Für mich ist die ungewöhnliche Typografie also eher ein Minuspunkt, als dass ich ob der Originalität gestaunt hätte.

Alles in allem ist „Gegen die Welt“ ein Roman, dessen Thematik eigentlich sehr gewöhnlich ist. Trotzdem konnte ich einfach nicht aufhören zu lesen. Ich empfand den schnörkellosen Schreibstil als sehr fesselnd und gerade das stereotype Dorfleben hat mich fasziniert. Brandt hat mit Jericho eine Welt in der Welt erschaffen, die gleichsam vertraut und befremdlich ist, wodurch eine spannende Mischung aus Wiedererkennungswert und absonderlichen Ereignissen entsteht.
Das ist gut und macht Eindruck. Ich bin mir nur nicht sicher, ob letzterer auch wirklich bleibend ist. Für den Moment war mir dieses Buch jedoch ein Vergnügen!

© Ada Mitsou

927 Seiten / 22,99 € ~ Dumont (1. August 2011) ~ ISBN: 3832196285

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