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A. J. Kazinski ist das Pseudonym des dänischen Autorenduos Anders Rønnow Klarlund und Jacob Weinberg. Letzterer wurde laut Verlagstext bereits mehrfach für seine Filme ausgezeichnet und ich kann mir auch gut vorstellen, dass sich „Die Auserwählten“ für eine Verfilmung eignen würde, denn die Eckpunkte der Handlung erfüllen alle Kriterien, die es für klingelnde Kinokassen braucht: Eine Prise Mystik, eine handvoll religiöse Motive, ein Schuss Verfolgungsjagd und als Sahnehäubchen die Annäherung zwischen der männlichen und weiblichen Hauptfigur, die beide ein psychisches Problem haben. Das klingt nach Action, Spannung und Gefühl.
Das Problem ist nur, dass man aus diesem Stoff mindestens drei Filme machen könnte, während Klarlund und Weinberg versuchen, die geballte Ladung in einziges Buch zu packen.

Der Auftakt der Geschichte ist spannend:
Innerhalb kurzer Zeit sterben an den verschiedensten Orten der Welt auf mysteriöse Weise Menschen. Der Tod kommt plötzlich und hinterlässt auf den Rücken der Opfer ein sonderbares Mal, das sich wie eine große Tätowierung von den Schulterblättern bis zur Mitte des Rückens zieht. Während die Vorfälle vor Ort lediglich für Verwirrung sorgen, versucht ein italienischer Polizist der Sache auf den Grund zu gehen. Wie besessen sammelt er alle Informationen zu dem Fall und sendet einen Bericht an Interpol.

Auf diese Weise erfährt auch der polizeiliche Vermittler Niels Bentzon davon. Nach langer Krankheit ist er seit kurzem wieder im Dienst und wird von seinem Chef beauftragt, die guten Menschen Kopenhagens vor einer möglichen Gefahr zu warnen. So wie es scheint, ist diese Eigenschaft, sozusagen die soziale Ader, ein bedeutsamer Verbindungspunkt zwischen den Opfern. Zudem liegen scheinbar alle Tatorte 3000 km voneinander entfernt.

Während Bentzon seinem Auftrag nachgeht, begegnet er der Exfrau einer möglichen Zielperson. Hannah ist hochbegabt und fühlt sich von komplizierten Systemen magisch angezogen, sodass auch sie bald an dem Fall mitarbeitet. Zusammen mit Bentzon setzt sie die Informationsteilchen wie ein Puzzle zusammen und die beiden folgen einer Spur, die letztlich in einem rasanten Wettlauf gegen die Zeit mündet…

Das zu lesen, hat mich in der ersten Hälfte des 600 Seiten starken Buches gut unterhalten. Durch die rasch aufeinander folgenden Perspektivenwechsel und die geheimnisvollen Ereignisse baut sich eine Spannung auf, die für Langeweile keinen Platz lässt. Das Geschriebene wirkt energiegeladen und führt den Leser so flott durch die Handlung, dass die Seiten wie im Flug vorbeirauschen.

In der zweiten Hälfte ändert sich das jedoch, denn dort kommt das zum Tragen, was ich oben schon angedeutet habe. Die Konzentration auf die Mordfälle verliert sich in den psychischen und emotionalen Problemen der Hauptfiguren. Die unerklärlichen Male deuten auf ein religiöses Motiv hin, gleichzeitig fordern Terrorismus und Nahtod-Erfahrungen ihren Platz in der Handlung. Das ist zuviel und lenkt den Blick vom Wesentlichen ab, sodass der rote Faden ausfranst und sich in viele abgeschnittene Einzelstränge zerlegt.

An dieser Stelle hätte ich mir gewünscht, dass die Autoren bei einem Thema geblieben wären, denn weniger ist oft mehr. Die Ideen, die hier verarbeitet werden, haben im Sinne der leichten und spannenden Unterhaltung durchaus Potential, doch aufgrund der Vielfalt erscheint das Erzählte so unausgereift, als hätten sich Klarlund und Weinberg nicht entscheiden können, welchen thematischen Schwerpunkt ihr gemeinsam verfasstes Buch haben soll.
Die Aufklärung der Mordserie endet in einem Showdown, der zwar rasant ist, letztlich jedoch ebenso wirr erscheint wie die Kombination der thematischen Einflüsse.

Im Ganzen ist „Die Auserwählten“ ein Thriller, der sich trotz des satzweise etwas holprigen Schreibstils (Übersetzer?) durchaus schnell liest und auch sehr spannend beginnt. Ich habe mich während des Lesens nicht gelangweilt, bin jedoch aufgrund der inhaltlichen Entwicklung nicht allzu begeistert.
Die thematische Orientierungslosigkeit in der zweiten Hälfte des Buches unterbricht den zuvor aufgebauten Spannungsbogen und lässt die Handlung überladen wirken, wodurch der Effekt des Showdowns verspielt wird. Hätte man die Handlung um ein Drittel gekürzt und wäre ganz schlicht bei der Mordserie geblieben, wäre das Ergebnis in meinen Augen ansprechender geworden. So handelt es sich um einen zwar unterhaltsamen, aber leider auch etwas konfusen Thriller, dessen Leitmotiv im Eifer des Gefechts untergeht.

© Ada Mitsou

608 Seiten / 19,99 € ~ Heyne (22. August 2011) ~ ISBN: 3453267672

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