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1989 ist Geschichte. Der Mauerfall, die Wiedervereinigung von Ost und West einhergehend mit jubelnden Menschenmassen hat zwar stattgefunden, doch anders als man es aus dem historischen Zusammenhang kennt, ist die DDR noch nicht am Ende. Nach ihren letzten Atemzügen kann sie erfolgreich wiederbelebt werden, findet zu neuer Kraft und besteht bis in das Jahr 2011 fort.

Statt ins Gefängnis zu wandern hat der ehemalige SED-Politiker Egon Krenz den Staatsvorsitzenden Honecker abgelöst und thront seit bereits 22 Jahren an der Spitze der Republik. Der berühmte Trabi geht in die Geschichtsbücher ein; statt seiner rollt nun der moderne, von Rapsöl betriebene Phobos durch die Straßen. Die Stasi hat sich scheinbar in den Untergrund zurückgezogen, ebnet jedoch mit ihrer ausgeklügelten Technik den Weg ins Hightech-Handy-Zeitalter.

Die DDR hat sich den modernen Umständen angepasst und doch scheint sie erneut zum Scheitern verurteilt. Um den Untergang des Sozialismus zu verhindern, gibt es nur eine Lösung: DDR und BRD müssen wirtschaftlich zusammenfinden. Doch während Ost und West gespannt die Verhandlungen zwischen Krenz und dem westdeutschen Bundeskanzler Lafontaine erwarten, geschieht etwas Unerwartetes:

An einer der vielen Pipelines, die durch die DDR führen und Gegenstand der Verhandlungen sind, hängt ein Toter. Die Details deuten auf einen Stasimord hin, sodass auf westdeutschen Druck hin Ermittlungen dringend erforderlich sind. Ausgerechnet Martin Wegener, ein eher unscheinbarer Volkspolizist, der sich längst mit den Strukturen des politischen Systems arrangiert hat, soll den Fall bearbeiten und bekommt zu allem Übel auch noch einen westdeutschen Ermittler an die Seite gestellt. Während Wegener ein energieloser Schluffi in Cordhosen ist, wirkt Brendel überaus glatt und erfolgreich. Trotz ihrer Unterschiede arrangiert sich das ungleiche Paar miteinander und dringt in die tief liegenden Schichten der DDR ein, wo überaus geheime Operationen schlummern…

Den Schauplatz der Handlung hat Simon Urban geistreich konstruiert. Mit Liebe zum Detail erweckt er die ehemalige DDR zum Leben und verleiht ihr ein neues, überaus realistisches Gesicht. Er spickt die Schatten der Vergangenheit mit modernen Elementen, die den Leser ins Staunen versetzen und mehr als einmal schmunzeln lassen. Das ist originell und witzig, sodass ich die Idee des Romans einfach grandios finde.

Allerdings stoße ich mich sowohl an der Handlung als auch am Schreibstil.
Urban ist Werbetexter und das merkt man dem Geschriebenen leider an. Seine Satzkonstruktionen glänzen durch Schlagfertigkeit und Provokation, was auf den ersten Blick sehr dynamisch und gekonnt wirkt, auf den zweiten jedoch so gewollt und betont erscheint, dass die Sätze bei mir einen künstlichen Beigeschmack erzeugen. Sie strahlen wie die Werbeslogans, haben einen überraschenden Effekt und trumpfen mit Wortwitz auf, doch am Ende drängt sich der Eindruck auf, dass es sich nur um effekthascherische Worte handelt, deren Wert zu großen Teilen in Schall und Rauch aufgeht.

„Sex sells“ ist die Devise, der Urban leider allzu motiviert folgt. Immer wieder lässt er seine Hauptfigur in erotischen Phantasien schwelgen, beschreibt Brüste und andere Geschlechtsorgane en detail und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Würden diese Passagen zur Entwicklung der Handlung beitragen, könnte ich ihnen vielleicht etwas abgewinnen, doch so handelt es sich lediglich um provokative Einschübe, die wie Füllmaterial wirken.

Ebenso verhält es sich mit Wegeners geistigen Ergüssen, die besonders in der zweiten Hälfte des Buches ihren Platz finden. Voller Selbstmitleid hängt der Hauptmann seiner ehemaligen Liebe nach, bedauert die Umstände und vor allem sich selbst und langweilt mich damit seitenweise zu Tode. Normalerweise überfliege ich Textstellen nicht gerne, doch in diesem Fall konnte ich die Stellen ohne schlechtes Gewissen, dafür jedoch mit einem genervten Augenrollen überblättern.

Wegeners Selbstmitleid, seine privaten Probleme und die Ausflüge in seine schmierigen Phantasien sorgen nicht nur dafür, dass ich auf ihn herabblicke, sie verwässern auch die Ermittlungen. Das Handlungsgerüst hätte so schön ausgebaut werden können, da Urbans Ideenreichtum so viel hergibt, doch stattdessen wird diese eine gute Idee über 552 Seiten gestreckt und in den Hintergrund gerückt. Irgendwann habe ich aufgrund dessen die anfängliche Begeisterung verloren, was schade ist, denn hinsichtlich der Originalität und den vielversprechenden Entwicklungen zu Beginn des Romans hätte Plan D durchaus ein Highlight werden können.

© Ada Mitsou

552 Seiten / 24,95 € ~ Schoeffling (8. August 2011) ~ ISBN: 3895611956

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