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Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich ein Buch abbreche, das durch die Bank hoch gelobt wird. Sucht man im Internet nach Rezensionen zu Edmund de Waals „Der Hase mit den Bernsteinaugen“, findet man sowohl in den großen Tageszeitungen und Magazinen als auch auf diversen Blogs begeisterte Hymnen auf die hervorragend recherchierte und feinfühlig geschriebene Biografie.

De Waal, britischer Keramikkünstler und Professor, schildert darin, wie er sich auf die Spurensuche nach seinen Vorfahren, der jüdischen Bankiersfamilie Ephrussi, begibt. 264 geerbte japanische Miniaturschnitzereien, so genannte Netsuke, veranlassen ihn dazu, dem ursprünglichen Besitzer dieser kleinen Schätze nachzugehen, wodurch er über ein Jahrhundert Familiengeschichte Revue passieren lässt.

Ungefähr 60 Jahre und 170 Seiten bin ich dieser Geschichte gefolgt, bevor ich das Buch nun zugeklappt habe. Ich begleitete de Waal nach Paris und Österreich und betrat sowohl moderne Bibliotheken und Archive als auch die Salons des 19. Jahrhunderts. Dass ich so lange mitgereist bin, liegt an den Lobeshymnen und Empfehlungen anderer Blogger, doch letztlich fehlt mir einfach der Sinn für dieses Buch. Seit Wochen trage ich es in der Tasche mit mir herum, lese abschnittweise darin und merke, dass mir zunehmend die Freude daran verloren geht.

Das heißt nicht, dass de Waals Buch schlecht ist. Zwar verwirren gerade zu Beginn die vielen Namen und Ausflüge zu Nebenschauplätzen, doch im Ganzen ist die Thematik durchaus interessant – wenn man sich für Biografien mitsamt zahlreicher Beziehungen, Daten und Kunsthistorie interessiert.

Ich bin keine Biografienleserin. In all der Zeit, in der ich nun Bücher zur Hand nehme, habe ich vielleicht fünf bis zehn Biografien gelesen, wobei ich mich bei der Hälfte davon zum Weiterlesen motivieren musste. Biografien können genauestens recherchiert und wunderbar intelligent verfasst sein und trotzdem können sie mich einfach nicht so sehr fesseln wie ein Roman. Woran das genau liegt, kann ich nicht ausmachen. Vielleicht ist es die Bewunderung für eine ausgeprägte Vorstellungskraft, vielleicht brauche ich dem entgegen auch einfach nur einen Berührungspunkt zu meinen eigenen Gedanken und meinem eigenen Leben, damit ich eine Geschichte lebendig und spannend finde.

„Der Hase mit den Bernsteinaugen“ kann damit nicht dienen; nicht weil de Waal nicht schreiben kann – sein Schreibstil ist ebenso anspruchsvoll wie gefühlsbetont –  und auch nicht, weil er nichts zu sagen hat – das, was er erzählt, ist ein interessantes Stück Zeitgeschichte -, sondern weil mir etwas fehlt, das mich in seinen Bann ziehen kann und persönlich berührt.

Aufgrund dessen und auch weil das Buch für den M Pionier nominiert ist, entwickelt sich die Lektüre für mich zur Pflichtaufgabe. Ich habe lange überlegt, ob ich es zur Seite legen soll, doch wer selber gerne liest, weiß, dass es nichts Schlimmeres gibt, als wenn man versucht, sich zum Lesen zu zwingen. Das abschließende Urteil würde dem Werk nicht gerecht werden, weswegen ich an dieser Stelle auf eine Bewertung verzichte und „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ all jenen empfehle, die Ausflüge in die (Kunst-)Geschichte, mondäne Familiengeschichten sowie feinfühlig verfasste Biografien zu schätzen wissen.

352 Seiten / 19,90 € ~ Zsolnay  (29. August 2011) ~ ISBN: 3552055568

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