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Was mich an Gina Mayers Jugendbüchern immer wieder aufs Neue begeistert, ist das Talent der Autorin, historische Themen auf anspruchsvolle, aber auch besonders einfühlsame und altersgerechte Weise aufzuarbeiten. Sie verbindet belegbare Fakten mit typischen Teenagersorgen, wodurch angestaubte Ereignisse greifbar werden.

Das, was in der Schule auf den ersten Blick so langweilig erscheint, macht die Autorin lebendig und das, was in der Schule nie durchgenommen wird, befördert sie eingebettet in eine fiktive Handlung ans Licht.

Nimmt man eines ihrer Bücher zur Hand, kann man sich sicher sein, dass hinter dem Geschriebenen eine zeitaufwendige und detaillierte Recherche steckt. Für „Die Wildnis in mir“ reiste die Autorin nach Namibia; nicht nur, um die Atmosphäre Afrikas in sich aufzusaugen, sondern vor allem, um der Thematik ihres neuen Romans in Form von Interviews und Recherchen vor Ort auf den Grund zu gehen. Das heutige Namibia hieß zu Beginn des letzten Jahrhunderts noch Deutsch-Südwestafrika und ist Schauplatz der Handlung.

Die siebzehnjährige Henrietta lebt mit ihrer Mutter in Wuppertal und träumt davon, Lehrerin zu werden. Da das Geld nach dem Tod des Vaters jedoch knapp ist, bleibt ihr dieser Traum allen Protesten zum Trotz verwehrt. Statt die begehrte Ausbildung zu absolvieren, soll Henrietta auf dem benachbarten Hof arbeiten, was sie zunehmend verzweifeln lässt.
In ihrer Not greift sie zu einer folgenschweren Lüge, die ihr Leben komplett verändern wird. Gemeinsam mit ihrer Mutter wandert sie nach Deutsch-Südwestafrika aus, wo ihre Mutter einen Missionar heiraten wird, um der Familie ein besseres Leben zu ermöglichen.

Was sich zunächst sehr abenteuerlich anhört und für Henrietta in den schillerndsten Farben leuchtet, entwickelt sich bald zu einer herben Enttäuschung. Henriettas Mutter stirbt unerwartet, wodurch das Mädchen fortan auf sich selbst gestellt ist. Da die Zustände in der Missionsstation für sie unerträglich sind, flüchtet sie Hals über Kopf in die Wildnis. Dort erwartet sie nicht nur eine grenzenlose Liebe, sondern vor allem auch Gefahren, die Henrietta das Leben kosten können…

Mayer führt in der Handlung verschiedenste Aspekte zusammen. Auf der einen Seite geht es um Henrietta, die wie ein typischer Teenager denkt und handelt. Sie hat einen starken Willen, möchte die Welt entdecken und lässt sich von ihren Gefühlen leiten. Ihre impulsive Art ist der Auslöser dafür, dass die Familie nach Afrika aufbricht. Als Romanfigur ist sie die Verbindung zum jungen Leser, denn damals wie heute sind beider Sorgen trotz der anderen Zeit ähnlich.

Doch Henrietta entwickelt sich im Laufe des Romans. Sie lernt, dass das Leben zwar durchaus aufregend ist, aber auch Enttäuschungen in sich birgt und dass jede ihrer unüberlegten Handlungen Konsequenzen haben kann. Sie spürt am eigenen Leib, was es bedeutet, auf sich allein gestellt zu sein und muss sich sowohl mit der Trauer um ihre Mutter als auch mit einer komplizierten Liebe auseinander setzen.

In Form dieser Liebe filtert Mayer bedeutende historische Denkweisen und Umstände aus dem historischen Kontext heraus und lässt sie unterschwellig, aber wirkungsvoll in die Handlung einfließen. Es geht um die Herrschaft der Weißen, um ihren Glauben, die Völker Afrikas zum Christentum bekehren zu müssen und um Rassismus.
Was sich Henrietta in all seiner Intensität offenbart – beeindruckende Naturschauspiele, die Schönheit, aber auch Unbarmherzigkeit der Wüste sowie die Zuneigung und Kraft eines anderen Menschen –, steht unter dem Schatten der damaligen Weltanschauung.

Das veranlasst nicht nur Henrietta zum Nachdenken, sondern auch den Leser. Man begleitet das Mädchen auf ihrer abenteuerlichen Reise und saugt all die aufregenden, exotischen Eindrücke in sich auf, doch zugleich sticht einem die grenzenlose Ungerechtigkeit ins Gewissen. Sie ist der Schatten, der das Buch vom reinen Abenteuerroman abgrenzt und pädagogisch wertvoll macht.

„Die Wildnis in mir“ liest sich wie von Mayer gewohnt sehr leichtfüßig. Rasch und mühelos blättert man die Seiten um, um zu erfahren, wie Henriettas Geschichte wohl ausgeht, wobei einen die Faszination für das Fremde völlig einnimmt.
Im Vergleich zu Mayers zuletzt erschienen Büchern fällt „Die Wildnis in mir“ aufgrund der „Verpackung“ auf meiner Rangliste ein wenig ab, was jedoch nicht bedeutet, dass das Buch schlechter ist. Es ist anders, nicht so offensichtlich beeindruckend wie beispielsweise „Die verlorenen Schuhe“. Zwar steckt auch der vorliegende Roman voller intensiver Emotionen, doch die Tragweite der Ereignisse und deren Hintergrund offenbart sich erst, wenn man sich auch abseits des Buches mit der Thematik auseinandersetzt. Im Buch berühren einen hauptsächlich Henriettas Gedanken und ihre aussichtslose Liebe, weniger jedoch die Unmenschlichkeit im historischen Zusammenhang.

Trotzdem ist es der Autorin wieder auf ganz wunderbare Weise gelungen, den Leser zum Recherchieren und Nachdenken anzuregen. „Die Wildnis in mir“ ist kein Buch, das man einfach beiseite legt. Man wird neugierig auf den geschichtlichen Hintergrund, wodurch die Lust, sich damit zu beschäftigen, auf spannende Weise geweckt wird. Diese Kombination aus Unterhaltung und wichtigen Denkanstößen macht den Roman so wertvoll, weshalb ich ihn all jenen empfehle, die Jugendlichen ab 13 Jahren ein gefühlvolles, spannendes Buch mit Tiefgang schenken wollen.

© Ada Mitsou

336 Seiten / 16,95 € ~ Thienemann (10. August 2011) ~ ISBN: 3522200748

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