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Wenn man den Klappentext von Heather Gudenkaufs Debütroman „Das Flüstern der Stille“ liest, könnte man leicht falsche Schlüsse ziehen, denn darin heißt es:

„Als an diesem Tag im August die ersten Sonnenstrahlen die feuchte Morgenluft durchdringen, stellen zwei Familien nach dem Aufwachen fest, dass ihre kleinen Mädchen über Nacht verschwunden sind. […] Auf der verzweifelten Suche der Eltern schlägt die anfängliche Unterstützung schnell in gegenseitiges Misstrauen um. Und bald schon müssen alle der Wahrheit ins Auge sehen: Niemand ist so unschuldig, wie er von sich glaubt – und einer von ihnen könnte ein Mörder sein.“

Das liest sich für mich nach einem Thriller, in dem die Suche nach dem Mörder die zentrale Rolle spielt. Sie könnte gespickt sein mit falschen Fährten und Verdachtsmomenten, die den Leser in die Irre führen und aufgrund der Unmenschlichkeit erschüttern. Kurz gesagt: Der Klappentext verspricht mir ein wahrscheinlich temporeiches Katz-und-Maus-Spiel im unmittelbaren bzw. familiären Umfeld der Opfer.

Doch dem ist nicht so. Bereits zu Beginn des Romans wird der Verbleib eines der Mädchen angedeutet, ebenso das Motiv des Täters. Die Vorwegnahme nimmt dem Erzählten ein gutes Stück Spannung und auf den nachfolgenden Seiten wird schnell klar, dass es sich bei dem Roman nicht um einen nervenaufreibenden Thriller, sondern um ein Familiendrama handelt. Der Leser weiß direkt, was mit zumindest einem der Mädchen passiert und verfolgt nun, welche Emotionen dieses Ereignis auslöst.

Gudenkauf nimmt das Verschwinden als Aufhänger, um die Geschichte der beiden Familien darzulegen. Sie bedient sich dabei verschiedener Perspektiven, aus denen kapitelweise geschildert wird, wie jeder einzelne das Zusammenleben empfindet, in welcher Beziehung er zu den anderen steht und was er für Träume hat.

Unter dem Aspekt des Dramas lesen sich die Eindrücke spannend. Die Probleme innerhalb der Familien berühren, ihre Folgen erschüttern und ich habe recht schnell Sympathie für die „Unschuldigen“ empfunden. Die geschilderten Zustände haben mich emotional erreichen können, was nicht zuletzt der realistischen und sehr deprimierenden Stimmung zuzuschreiben ist.
Diesen Part empfinde ich als gut gelungen, auch wenn das Buch durch die falschen Erwartungen hier und da ein paar langatmige Passagen enthält.

Weniger gut gelungen ist hingegen die Einbettung des Familiendramas in die thrillerähnliche Rahmenhandlung. Die erzähltechnische Unentschlossenheit der Autorin, ob ihr Werk nun eine Art Thriller oder eine Familiengeschichte sein soll, führt dazu, dass die Familienthematik sehr ausführlich gezeichnet wird, die kriminalistische Handlung jedoch verkümmert. Die Auflösung ist vorhersehbar, das Ende wirkt schriftstellerisch etwas lieblos und wird im Vergleich zur Vorgeschichte viel zu schnell abgehandelt.

Das ist bedauerlich, denn im Großen und Ganzen ist „Das Flüstern der Stille“ kein uninteressanter Roman. Gudenkauf versteht es, familiäre Abgründe auf eindringliche Weise zu schildern und löst damit im Leser Emotionen aus. Allerdings schürt der in meinen Augen irreführende Klappentext falsche Erwartungen und die teilweise misslungene Verknüpfung der beiden Genres relativiert das Lesevergnügen.

© Ada Mitsou

368 Seiten / 8,95 € ~ Mira Taschenbuch (10. Juni 2011) ~ ISBN: 3899418689

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