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„Grau“ ist der erste Roman von Jasper Fforde, den ich gelesen bzw. gehört habe, und zugleich der Auftakt einer neuen Trilogie des britischen Schriftstellers. Ich habe mit diesem Namen bisher nichts verbunden und wusste auch nicht, was mich erwartet.

Jetzt, nachdem mir Oliver Rohrbeck beinahe zehn Stunden aus dem Buch vorgelesen hat, kann ich die Begeisterung von Ffordes Fans durchaus nachvollziehen, denn die Geschichte, die der Autor zu Papier gebracht hat, ist gut durchdacht, faszinierend anders und ziemlich schräg.

Da der Inhalt recht komplex ist, versuche ich mich auf das Wichtigste zu beschränken:
Ungefähr 700 Jahre in der Zukunft ist die Welt nicht mehr so, wie wir sie kennen. Der gesellschaftliche Rang der Menschen richtet sich vorrangig nicht mehr nach dem Einkommen oder Statussymbolen, sondern nach der Fähigkeit, Farben zu sehen.
Während beispielsweise die Roten nur die Farbe Rot sehen können und die Gelben nur Gelb, können die Grauen gar keine Farben sehen. Sie bilden das Schlusslicht der Gesellschaft, werden von den Hochrangigen wie Diener behandelt und haben im Grunde keine Chancen aufzusteigen.

Diese Ordnung entspricht voll und ganz den Regeln des großen Munsell. Vor fast 500 Jahren wurde die Welt neu erschaffen und seitdem folgen die Menschen diesen Regeln, die auf uns zwar größtenteils überaus unsinnig wirken, für die Bewohner von Chromatopia jedoch oberstes Gebot sind, da Verstöße dagegen jede Menge Ärger nach sich ziehen können.

Auch der junge Eddie Russett, Hauptfigur des Romans, fügt sich widerstandslos in diese Ordnung ein. Er ist ein Roter, was bedeutet, dass er zwar nicht an der Spitze steht, jedoch durchaus geachtet und respektiert wird. Eifrig buhlt er um die Gunst von Constance Oxblood, die er aufgrund der vorteilhaften Farbkombination alsbald heiraten möchte, doch bevor es dazu kommen kann, wird Eddie zusammen mit seinem Vater nach Ost-Karmin abgeordnet. Während Eddie dort eine Stuhlzählung durchführen soll, tritt sein Vater die Stelle des ehemaligen Mustermanns an, was im Prinzip der Funktion eines Arztes entspricht.

Der Aufenthalt in Ost-Karmin stellt Eddies bisheriges Leben vollkommen auf den Kopf, denn dort trifft er nicht nur die falschen Freunde, sondern auch Jane, ein Mädchen, in das er sich hoffnungslos verliebt. Das Problem an der Sache: Jane ist nicht nur wunderschön und faszinierend anziehend, sondern unglaublich widerspenstig und – was noch viel schlimmer ist – eine Graue!

Wer nun glaubt, dass es sich bei „Grau“ um eine typische Liebesgeschichte handelt, irrt. Zwar dreht sich viel um dieses Thema, doch in Anbetracht dessen, dass Gefühle in Chromatopia äußerst untypisch sind, findet sich zwischen den Zeilen wenig Schmalz. Viel mehr handelt es sich um ein kriminalistisch angehauchtes Abenteuer, in das Eddie unbedarft und ziemlich naiv hineinschlittert. Er wächst jedoch mit seinen Aufgaben: Nimmt er zunächst alles hin und reagiert bestürzt, wenn jemand gegen die Regeln verstößt, beginnt er zunehmend das System zu hinterfragen. Dabei stößt er auf Entdeckungen, die sein Weltbild erschüttern, was für Eddie nicht unbedingt angenehm ist, für den Leser allerdings schon, denn Eddies Naivität zu Beginn des Romans ist beinahe kaum auszuhalten.

Diese Idee, die Erschaffung einer neuen Welt, innerhalb derer eigene, strikte Regeln gelten, ist nichts Neues. Im weiteren Sinne kennt man die Thematik bereits aus Romanen wie „1984“ und „Schöne neue Welt“, aber auch durch das indische Kastensystem.
Trotzdem hat mich „Grau“ nicht gelangweilt, denn Ffordes Geschichte ist so fantasievoll konstruiert, dass ich mich sehr gut unterhalten gefühlt habe. Bäume nehmen Menschen gefangen, Straßen verwandeln sich mithilfe eines speziellen Schlüssels in Fließbänder, Löffel gehören zu den begehrtesten Gegenständen der Menschen und Ovomaltine darf nur vor dem Zubettgehen getrunken werden. Das alles und noch viel mehr wirkte auf mich so absurd und verrückt, dass ich nicht anders konnte als gebannt zuzuhören.

Eine besondere Freude war es mir, Oliver Rohrbeck zu lauschen. Ich schätze seine Art vorzulesen sehr und er kann mit seiner Stimme die Charaktere der Figuren ganz wunderbar zum Ausdruck bringen. Zwar beinhaltet sein Vortrag keine Knalleffekte, doch aufgrund der Geschichte sind diese auch gar nicht notwendig.

„Grau“ ist unterhaltsam, absurd, gesellschaftskritisch und spannend zugleich. Aufgrund der komplexen Zusammenhänge empfehle ich, das Buch lieber zu lesen, anstatt es zu hören, denn auf diese Weise prägen sich – zumindest in meinem Fall – die Details besser ein und man kann auch mal zurückblättern, wenn man etwas nicht ganz verstanden hat. Das Hörbuch lässt sich aufgrund des ausgeklügelten Systems nicht einfach nebenbei hören, doch wenn man das Grundgerüst erstmal verstanden hat, ist „Grau“ auch ein großes Hörvergnügen.
Die Titel und die Erscheinungstermine der beiden Folgebände sind mir noch nicht bekannt, doch ich werde beides gespannt  im Auge behalten.

Eine Empfehlung für all jene, die abgedrehte und abenteuerreiche Geschichten lieben.

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© Ada Mitsou

8 CDs / 24,95 € ~ Eichborn (24. August 2011) ~ ISBN: 3821864001

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