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mit Illustrationen von Ayano Imai
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„Wie Niklas ins Herz der Welt geriet“ zu lesen, fühlt sich an, als würde man nach einem Waldspaziergang durch tiefsten Schnee nach Hause kommen. Man ist ganz durchgefroren, streift die nassen Schuhe von den Füßen, schlüpft unter eine weiche Decke und wärmt die Hände an einer heißen Tasse Tee. Das Stapfen war anstrengend, die Kälte ist einem bis unter die Kleidung gekrochen und doch fühlt man sich wie in Watte gepackt, weil dicke, weiße Flocken vom Himmel fielen und man für Stunden nur von Stille umgeben war.

Inmitten dieser Stille klappt man das Buch auf und ahnt sofort, dass man hier etwas Besonderes in den Händen hält. Die schlichten Schwarzweiß-Zeichnungen mit den vereinzelten roten Farbtupfern nehmen einen sofort gefangen; der Text strahlt eine Ruhe aus, die angenehm ist, aber auch eine Traurigkeit in sich birgt, die das Herz schwer macht.

Niklas hat seine treueste Spielgefährtin verloren. Seit Hündin Lola nicht mehr da ist, fühlt sich alles traurig an. Das Aufstehen fällt schwer, der Himmel ist grau und jeder Ort ist randgefüllt mit Erinnerungen, die wehtun. Niklas fällt es schwer, sich im Alltag ohne Lola wohl zu fühlen und doch muss alles weitergehen. Die Schule ruft, die Freunde möchten im Schnee toben und Niklas sagt zu alledem nicht nein. Doch in den Momenten, in denen er nachdenken möchte, streift er alleine durch die Straßen.

Als sich Niklas eines Tages vom Spielen nach Hause begibt, sieht er einen alten Mann auf der Parkbank sitzen. Tagein tagaus sitzt er da und scheint sich nichts aus der Kälte zu machen. Niklas wird neugierig auf diesen Mann, der nichts tut außer dazusitzen und die Bäume zu betrachten. Zögerlich beginnt der Junge ein Gespräch mit dem Alten und muss schon bald feststellen, dass er mit seiner Trauer nicht alleine ist. Auch der Herr hat jemanden verloren und gemeinsam gehen sie diesem Gefühl, aber auch der Entdeckung von dem, was die Schönheit der Welt ausmacht, auf den Grund…

Diese Geschichte zu lesen, fühlt sich warm und melancholisch an, ist allerdings auch nicht ganz einfach, denn genauso abstrakt wie der Tod sind auch die Sätze, die Scobel dem alten Mann in den Mund legt. Er spricht über die Einsamkeit, darüber, dass man die Sterne und Bäume betrachtet und sich dabei ganz verloren fühlt, zugleich aber auch durch deren Anblick ins Herz der Welt gerät. Man ist ein Teil des großen Ganzen und diese Erkenntnis hilft einem dabei, die Schönheit, die den Dingen innewohnt, nach dem Verlust neu zu entdecken.

Die Aussage des Textes ist sowohl poetisch als auch philosophisch angehaucht, wodurch sie nicht für jedes Kind leicht zu verstehen sein dürfte. Niklas jedoch versteht und dieses Verständnis lässt ihn sehr reif wirken. Die Art, wie seine Trauer zum Ausdruck kommt, ist kindlich, doch der Umgang damit wirkt stellenweise so erwachsen, dass ich das Buch nicht als typisches Kinderbuch bezeichnen möchte.

Trotzdem empfehle ich den Versuch, es gemeinsam mit Kindern zu lesen, denn die Zeichnungen der Japanerin Imai sind in ihrer Einfachheit ganz zauberhaft und es handelt sich im Ganzen nicht um ein belangloses Buch zur kurzen Unterhaltung, sondern um eines mit Tiefgang. Niklas’ Geschichte berührt und sie macht nachdenklich, wodurch sie aus der Masse an bunten Kindergeschichten heraussticht und an Wert gewinnt.
Sollte der Versuch missglücken, wird zumindest so mancher Erwachsene Gefallen daran finden, denn für mich als eben solche ist „Wie Niklas ins Herz der Welt geriet“ ein kleiner Schatz, der meine Kinderbuchsammlung nicht mehr verlassen wird.

Altersempfehlung: Für nachdenkliche Kinder ab 7 Jahren, die auch leicht abstrakte Gedankengänge schon begreifen können

© Ada Mitsou

40 Seiten / 12,90 € ~ Bloomsbury (4. Oktober 2008) ~ ISBN: 3827053196

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