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Mila Lippke gehört zu den Autorinnen, die ich als sehr lesernah empfinde. Sie sucht den Kontakt zu ihren Leserinnen, offenbart einen Teil ihrer Gedanken auf ihrer Homepage und ist nun auch unter die Bloggerinnen gegangen. Die Kontaktfreudigkeit der Kölnerin wirkt auf mich nicht nur angenehm bodenständig, sondern vor allen Dingen sympathisch, weswegen ich mich freue, dass ich ihr ein paar Fragen zu ihrem neuen Buch, der Suche nach den eigenen Wurzeln und dem Prozess des Schreibens stellen durfte:

Ada Mitsou: In deinem neuen Roman „Morgen bist du noch da“ geht es u.a. um ein angespanntes Mutter-Tochter-Verhältnis. Lio sträubt sich gegen den engen Kontakt zu ihrer Mutter, weil sie sich als Kind nicht von ihr verstanden fühlte und zu viele Konflikte zwischen den beiden liegen. Welche Bedeutung hat die Beziehung zwischen einer Mutter und ihrer Tochter für dich?

Mila Lippke: Eine ganz elementare. Keine andere Beziehung zwischen Frauen ist emotional derart aufgeladen. Man wird dieses „Tochtersein“ nie los und damit verbunden auch nicht das Unterlegene, die Schuldgefühle und die Wut darüber, womöglich Aufmerksamkeit & Zuneigung nicht ausreichend erhalten zu haben. Was einem in der Kindheit gefehlt hat, das kann man sich später in keiner Partnerschaft oder Freundschaft befriedigend zurückholen. Man kann nur lernen damit zu leben. Selbst Freundinnen von mir, die den Kontakt zu ihrer Mutter abgebrochen haben (was äußerst selten vorkommt), hören deshalb noch lange nicht auf an sie und die zugefügten Verletzungen zu denken.

A.M.: Lios Nachforschungen werden durch ihre ungewollte Schwangerschaft angestoßen. Bereits in deinem letzten Roman bildete eine Schwangerschaft den Dreh- und Angelpunkt der Handlung. Warum hast du dieses Thema in „Morgen bist du noch da“ erneut aufgegriffen?

M.L.: Das hat natürlich mit meiner eigenen Erfahrung – Mutter zu werden – zu tun. Es ist ein einschneidender Prozess, in dem alle Beziehungen, auch zu Freundinnen, zum Partner und besonders zur eigenen Mutter sich dermaßen stark verändern. Ich hatte vorher keine Ahnung, was Muttersein bedeutet. Dass ich dadurch so angreifbar werde, so verletzbar und gleichzeitig aber auch die Chance bekomme, verantwortlicher und überlegter mit meinem Leben umzugehen.

A.M.: Glaubst du, dass es wichtig ist, zu wissen, woher man kommt, auch wenn das, was man bei seinen Nachforschungen herausfindet, die eigene Welt einstürzen lässt?

M.L.: Ja. Unbedingt. Je älter man wird, umso wichtiger ist es. Das erlebe ich bei meinem Vater, der als Rentner versucht hat, seine brutale Kindheit noch mal aufzuarbeiten. Aber es hat einfach niemand mehr gelebt, der die Lücken, die schwarzen Flecken in seiner Biografie füllen könnte. Die bleiben für immer. Ich glaube, nichts was man herausfindet, kann auf Dauer so bedrohlich sein wie das, was man sich heimlich ausmalt, heimlich ahnt. Weil alles, was verschwiegen wird, einem die Möglichkeit nimmt, sich mit einem wichtigen Anteil von sich selbst auszusöhnen.

A.M.: In meinen Rezensionen ordne ich bestimmte Züge deiner Romane dem Genre des typischen Frauenromans zu. Stört dich diese Zuordnung? Wie würdest du selbst deine Bücher kategorisieren?

M.L.: Stört mich das? Ja, denn ich überlege mir bei einer Idee nicht: „Oh, was könnte ich heute mal Nettes für Frauen schreiben?“. Und nein, denn ich arbeite so viele Gefühle und Erfahrungen in meine Romane ein und erreiche damit eine Tiefe, die ich wahrscheinlich nicht in dem Maß erreichen könnte, wenn ich als Hauptfigur einen Mann wählen würde. Außerdem will ich nah am Leben schreiben. Und ich finde, dass das Leben oft recht trivial verläuft und sich dann trotzdem plötzlich Abgründe auftun können.

Mich nervt es auch, dass in Deutschland anstrengende Lektüre gleich Literatur ist und alles, was sich leichter liest & mit mehr Sog liest, als Unterhaltung runtergewertet wird. In den letzten Jahren bricht das zum Glück auf. Aber noch immer schiele ich neidvoll zu den Französinnen, die so selbstverständlich ihre unterhaltsamen Geschichten mit Tiefgang und Nachdenk-Potential schreiben und – vor allem – veröffentlicht kriegen… Ich kriege aber vermehrt mit, dass es auch hier Leserinnen und Leser gibt, die sich über Romane wie meine freuen, die sie mit Lust lesen können und die trotzdem ganz viel in ihnen aufwühlen.

A.M.: Auf welche Quellen greifst du zurück, wenn du für deine Romane recherchierst?

M.L.: Ich hole viel aus mir heraus. Was die emotionale Ebene angeht bin ich meine beste Quelle. Ansonsten lese ich für mein Leben gern Sekundärliteratur. Das Problem ist nur mit dem Lesen aufzuhören und endlich mit dem Schreiben zu beginnen. Für „Morgen bist du noch da“ habe ich gezielt psychologische Untersuchungen über die Auswirkungen des Holocaust auf nachfolgende Generationen gelesen. Auch findet sich beim abschweifenden Lesen immer wieder etwas, über das ich „stolpere“. Zum Beispiel bin ich in einem Buch über Philosophinnen auf die Figur der Penelope gestoßen, die das Schicksal aufhalten möchte, indem sie ihre Webarbeit immer wieder auftrennt. Das passte so gut zu meiner Mutter-Tochter-Geschichte, dass ich meine Heldin Lio jetzt darüber nachdenken lasse.

A.M.: Neben deiner Tätigkeit als Autorin arbeitest du auch fürs Fernsehen. Unterscheidet sich die Arbeit an einem Roman sehr von deinem eigentlichen Beruf?

M.L.: Absolut. Wenn ich fürs Fernsehen schreibe, dann entwickle ich eine Idee nie alleine sondern immer im Team. Das hat Vorteile, weil man auf mache Plots einfach nicht selbst oder nicht derart schnell kommt, aber ich identifiziere mich dadurch nie so extrem mit meiner Arbeit wie beim Romanschreiben.

A.M.: Das Feedback in den beiden Branchen fällt sicherlich ganz unterschiedlich aus. Vor der Veröffentlichung von „Morgen bis du noch da“ begegnete mir der Titel immer wieder auf verschiedenen Internetseiten, so fand zum Beispiel eine Verlosung über vorablesen.de statt und aktuell ist eine Leserunde bei lovelybooks.de geplant. Wie wichtig ist dir der Kontakt zu deinen Lesern?

M.L.: Enorm wichtig. Wenn ich als Autorin in eine Buchhandlung gehe und die vielen tollen Bücher mit wunderschönen Covern sehe, dann frage ich mich immer wieder nach dem Sinn meines Tuns. Diese Sinnfrage erledigt sich glücklicherweise, sobald ich Reaktionen meiner Leser mitbekomme. Ich denke, dass ich sehr ehrlich schreibe. Und diese Ehrlichkeit bewegt meine Leser zu einer erstaunlichen Offenheit mir gegenüber. Manche Mails hinterlassen einen ziemlich dicken Kloß in meinem Hals, wenn eine Leserin mir beispielsweise mitteilt, dass sie sich über die Lektüre meines Romans jetzt zum ersten Mal richtig an ihre eigene Lebensgeschichte herantraut. Dann weiß ich, dass es Sinn macht meine Romane zu schreiben.
Auch Kritik ist spannend. Das Ende von „Morgen bist du noch da“ wird zum Teil völlig konträr eingeschätzt. In deinem Fall als etwas zu happy. Aber manche sagen, dass sie das Ende als offen empfunden haben. Das hat mich auf eine Idee für mein neues Romanprojekt gebracht.

A.M.: Seit kurzem gewährst du deinen Leserinnen auch in Form eines Blogs Einblicke in deine Arbeit als Autorin. Wie empfindest du das Bloggen bis jetzt? Gibt es Hoffnungen und Wünsche, die du mit dem Projekt verbindest?

M.L.: Das Bloggen ist für mich noch sehr frisch. Aber bislang lässt es sich großartig an. Wir sind vier Autorinnen, die sich einen Blog teilen, das scheint schon was Neues zu sein. Ob das Interesse auf Dauer anhalten wird? Das liegt sicher auch an uns und an dem Spaß, den wir in den Blog stecken. Für mich ist mit dem Blog der Wunsch verknüpft, nicht ausschließlich von Verlagen und deren Marketingideen abhängig zu sein, sondern auf diese Weise Leser zu erreichen, die meine Bücher sonst nicht entdecken könnten. Meine Romane sind ja „Wallpaper“, wie man in Amerika so schön sagt, das heißt sie liegen nicht in Stapeln auf den Bestsellertischen aus, sondern fristen ein eher unbeachtetes Dasein in den Regalen einer Buchhandlung. Ich selbst stoße auf Literaturblogs ja auch immer wieder auf Roman-Perlen, die ich im Laden niemals gefunden hätte.

A.M.: Zum Abschluss möchte ich gerne noch auf dein neues Romanprojekt eingehen, das du eben erwähntest. Kannst du uns schon verraten, worum es darin geht?

M.L.: Ich bin dabei, die erste Fassung eines Romans über Menschen, die Bücher lieben, fertig zu stellen. Ursprünglich wollte ich nach den aufreibenden Schreibprozessen an „Irgendwie mein Leben“ und „Morgen bist du noch da“ mal etwas emotional Leichteres schreiben. Ha. Ha. Ha. Offenbar geht’s bei mir ohne eine gewisse Qual nicht. Ich sitze jetzt schon eine gefühlte Ewigkeit an dem Manuskript. Aber der Roman wird wieder etwas ganz anderes werden. Ich mag keine Wiederholungen. Ein Buchprojekt muss immer auch eine Herausforderung für mich sein.

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Wer Mila gerne selber eine Frage stellen möchte, hat hier die Gelegenheit dazu.

Vielen Dank, liebe Mila! Für die Zukunft wünsche ich dir noch viele begeisterte Leserinnen und freue mich ganz besonders über das Thema deines neuen Romans!

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