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Kristina Wolland ist Anwältin in Hamburg. Neben den üblichen Fällen betreut sie ihre ehemalige Schulfreundin Angie, die ihr Leben eher schlecht als recht auf die Reihe bekommt und abwechselnd auf der Straße und in ihrer eigenen kleinen Wohnung zuhause ist.
Eines Nachts bekommt Kristina einen Anruf von ihr. Angie fühlt sich verfolgt und möchte freiwillig in die psychiatrische Klinik eingewiesen werden, denn diese ist der einzige Ort, an dem sie sich jetzt noch sicher fühlt. Doch als die beiden Frauen dort ankommen, überlegt es sich Angie plötzlich anders. Fluchtartig stürmt sie aus der Klinik, sodass Kristina nichts anderes übrig bleibt, als ihre Freundin wieder zuhause abzuliefern.

Dass das ein Fehler war, bestätigt die Nachricht, die Kristina am nächsten Tag erreicht: Angie wurde tot am Ufer des Boberger Sees aufgefunden. Die Anwältin macht sich Vorwürfe, den Verfolgungswahn ihrer Freundin nicht ernst genommen zu haben und versucht ihre Schuldgefühle zu mildern, indem sie sich auf die Suche nach dem Täter macht. Denn eines ist Kristina klar: Angie hätte sich niemals umgebracht!

Doch wer könnte Interesse daran haben, eine labile, letztlich aber unauffällige Frau umzubringen? Und was hat Alexander damit zu tun, der junge Russlanddeutsche, der Kristina anruft und vollkommen verzweifelt auf der Suche nach seiner Verlobten ist? Anscheinend hat Alina bei Angie gewohnt und ist am selben Tag verschwunden, an dem diese umgebracht wurde. Entgegen der polizeilichen Anweisungen recherchiert Kristina auf eigene Faust und deckt Zusammenhänge auf, die sie selbst in Lebensgefahr bringen…

„Im wilden Osten dieser Stadt“ ist der zweite Fall um die Anwältin Kristina Wolland. Den ersten Teil der Reihe habe ich nicht gelesen, weswegen ich nicht beurteilen kann, ob die Vorgeschichte von Bedeutung ist, doch in dem vorliegenden Band fällt es mir schwer, eine Verbindung zu der Hauptfigur aufzubauen.  Zwar erfahre ich als Leser, in welchen Umständen Kristina derzeit lebt, doch wie es zu diesen Umständen kam, kann ich nur erahnen.

Die Anwältin wirkt gebeutelt. Ihr Privatleben ist durch das plötzliche Auftauchen ihres ehemaligen Geliebten durcheinander geraten, sie hangelt sich von einem Termin zum nächsten und kann sich glücklich schätzen, eine so kompetente Anwaltsgehilfin wie die ihre zu haben, denn die junge Türkin Ceyda hat die Kanzlei fest im Griff. Sie kümmert sich um alles, während Kristina versucht, den Tod ihrer Freundin aufzuklären.

Entgegen Ceydas perfekter Organisation und Zuverlässigkeit wirken Kristinas Ermittlungen zuweilen sehr unentschlossen. Sie braucht lange, um den roten Faden zu erkennen, der sich durch den Fall zieht. Sie stolpert von einem Anhaltspunkt zum nächsten, wodurch sie sich dem Täter zwar stetig nähert, jedoch nie so genau zu wissen scheint, was sie mit den Hinweisen überhaupt anfangen soll.
Es handelt sich nicht um eine clevere, selbstbewusste Ermittlerin, die einen Plan hat, sondern um eine gewöhnliche, leicht störrische Anwältin, die in dieser Phase ihres Lebens die Orientierung verloren hat und sich zögerlich von äußeren Einflüssen leiten lässt.

Ihren Weg mitzuverfolgen ist nicht unspannend, er wirkt jedoch etwas chaotisch und hinsichtlich der schriftstellerischen Umsetzung leider auch ein wenig unschlüssig bzw. für mich nicht nachvollziehbar. So gerät Kristina beispielsweise in eine Situation, in der sie unter Einsatz einer gefährlichen Droge entführt wird und sich weder an die letzten Stunden erinnern kann, noch weiß, wo sie sich befindet. Daraus hätte man ein beklemmend spannendes Szenario entwickeln können, doch stattdessen gelingt ihr die Flucht auf überraschend unspektakuläre Weise und ist verbunden mit einem netten kleinen Flirt auf der Autobahn.

Die Anwältin muss ziemlich hart im Nehmen sein, wenn sie durch diese Entführung beinahe überhaupt nicht aus der Bahn geworfen wird und bereits während ihrer Flucht zu einem verbalen Tête-à-tête aufgelegt ist.
Das ist sicherlich gut für ihre Seele, jedoch schlecht für die Handlung, denn die wirkt durch dieses Verhalten stellenweise unglaubwürdig. Zwar schimmert hier und da Kristinas Furcht durch und es gibt durchaus vereinzelte Spannungsmomente, doch im Ganzen ist mir die Handlung zu emotionslos gestrickt.

Das Erzählte geht nicht unter die Haut. Gefühle werden zwar angedeutet und die Gefahr ist unterschwellig immer erkennbar, allerdings treibt beides zu sehr an der Oberfläche, als dass ich die Beziehungen zwischen den Figuren nachfühlen und mich die Spannung konstant mitreißen könnte. Die Atmosphäre leidet in meinen Augen sehr darunter, sodass „Im wilden Osten dieser Stadt“ zwar streckenweise unterhaltsam ist, auf mich jedoch weder beeindruckend noch allzu fesselnd wirkt.
Kurzum: Das Erzählte berührt mich nicht. Ich bange weder mit der Hauptfigur, noch leide ich mit der Mutter der Toten. Kristinas emotionale Verwirrung hinsichtlich ihres Geliebten wirkt verbohrt und mündet schließlich in einem Finale, das für meinen Geschmack viel zu klischeebeladen umgesetzt wurde.

Alles in allem ist „Im wilden Osten dieser Stadt“ ein Kriminalroman, der mich leider nicht überzeugen konnte. Ich habe mich nicht zwingen müssen, das Buch zu lesen, denn trotz all meiner Kritik liest sich die Handlung flüssig und beinhaltet durchaus Momente, die spannend und unterhaltsam sind, doch aufgrund der oberflächlichen Emotionen und der etwas chaotischen Atmosphäre hinterlässt das Gelesene keinen bleibenden Eindruck bei mir.

Wer sich lieber selbst ein Bild machen möchte, kann hier einen Blick ins Buch werfen.

© Ada Mitsou

240 Seiten / 8,99 € ~ rororo (1. Februar 2012) ~ ISBN: 3499256940

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