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Mit dem Nordirland-Konflikt habe ich mich das letzte Mal in der Schule befasst. Anfang der 90er Jahre lasen wir im Englischunterricht einen Jugendroman über das Thema. Zu der Zeit standen die Morde zwischen der IRA und den Loyalisten noch auf der Tagesordnung. Kurz darauf berichteten deutsche Zeitungen über die Friedensverhandlungen und letztlich über das Karfreitagsabkommen, das der Gewalt ein Ende setzen sollte.

Seitdem ist dieses Thema in Vergessenheit geraten. In meiner Teenagerzeit wurden andere Themen wichtiger als das Tagesgeschehen von gestern und wenn ich heute die Teenagertochter meines Freundes fragen würde, worum es in dem Lied, das sie eine Zeit lang rauf und runter gehört hat („Zombie“ von den Cranberries in einer aufgepimpten Remix-Version), eigentlich geht, würde die Antwort wahrscheinlich schlichtweg „Krieg“ lauten. Die Hintergründe bleiben im Dunkeln, weil sie nicht mehr aktuell und somit viel zu weit weg sind.

Doch das stimmt so nicht. Auch heute noch gibt es gewalttätige Ausschreitungen zwischen Splittergruppen der einstigen Konfliktparteien. Jugendliche gehen mit Baseballschlägern aufeinander los, Autobomben explodieren… der Hass von damals lebt in so manchem Kopf weiter, auch wenn diese Vorfälle nicht mehr die Titelseiten der Tageszeitungen füllen. Der Konflikt als solcher ist Geschichte.

Als Ellen Dunne mit ihrem Manuskript zu „Wie du mir“ die großen Verlage abklapperte, führte eben jene Angestaubtheit zur Ablehnung. Zwar wurden Aspekte des Romans durchaus positiv bewertet, doch das Thema als solches sei nicht aktuell genug, um das Buch vermarkten zu können. Da mag etwas Wahres dran sein, zumal ich selbst wahrscheinlich auch nicht auf das Buch aufmerksam geworden wäre, hätte die Autorin es mir nicht angeboten und doch ist dieser Umstand ein Spiegel der Schnelllebigkeit unserer Zeit. Ich finde es bedauerlich, dass historische Ereignisse, die etwas spezieller sind, scheinbar niemanden hinter dem Ofen hervorlocken können, erweitern sie doch in ansprechend aufbereiteter Form den Horizont, indem sie dazu anregen, sich mit dem Weltgeschehen von damals auseinander zu setzen.

„Wie du mir“ hat mich angeregt, denn Dunne bettet Fakten des Konflikts in eine spannende Geschichte ein, deren Protagonisten durch ihre Menschlichkeit greifbar werden:

Dallas „JR“ Ferguson hat es verpatzt. Der IRA-Kämpfer, der als hervorragender Schütze gilt, konnte sein letztes Ziel nicht töten. Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, einfach den Abzug zu drücken, während der Polizist Will McCrea wimmernd am Boden lag. Stattdessen ergriff JR die Flucht und McCreas Frau starb unbeabsichtigt an den Folgen eines Sturzes.

Dieser Umstand erzürnt nicht nur JRs Bosse, sondern vor allen Dingen Will McCrea. Nach dem Tod seiner Frau fällt er in ein tiefes Loch und hat nur noch eines im Sinn: Rache. Er möchte den Mörder seiner Frau zur Strecke bringen und ahnt dabei nicht, dass er ihm vor vielen Jahren schon einmal begegnet ist.

Beide Männer operieren auf gegensätzlichen Seiten und doch haben sie eines gemeinsam: Sie sehnen sich nach innerem Frieden. Die Erkenntnis, dass dieser nicht durch Blutvergießen erreicht werden kann, kommt schleichend und fordert nicht nur Geduld, sondern einen harten Kampf mit sich selbst und den Männern aus den eigenen Reihen. Doch die verstehen keinen Spaß, was insbesondere JR schon bald am eigenen Leib zu spüren bekommt…

Dunne schraubt den Spannungsbogen langsam, aber kontinuierlich nach oben. Durch den Perspektivenwechsel erfährt der Leser nicht nur etwas über die Vorgehensweisen innerhalb der beiden Lager, sondern auch über die inneren Beweggründe der Hauptfiguren. Der Leser sieht das, was dem Feind verborgen bleibt, wodurch sowohl JR als auch Will überaus menschlich wirken und einem trotz ihrer Gegensätzlichkeit nahezu sympathisch werden.

Dieser Aspekt verdeutlicht die Sinnlosigkeit des Kampfes, da sich Will und JR im Grunde ihres Herzens sehr ähnlich sind und doch nicht auf einer Seite stehen können. Jeder von ihnen lebt ein ganz gewöhnliches Leben mit Höhen und Tiefen, wäre da nicht der politische Aktivismus, der dieses gewöhnliche Leben nahezu unmöglich macht.

„Wie du mir“ zu lesen, ist auf zweierlei Weise spannend. Zum einen sorgen die Lebensumstände und Gedanken der Figuren für das richtige Maß an Tiefgang und Emotionen. Zum anderen verleihen die äußeren Umstände dem Roman Züge eines Thrillers, wodurch „Wie du mir“ gerade zum Ende hin zu einem Pageturner wird.

Trotzdem muss man während des Lesens ein wenig Geduld haben, denn wenn man davon ausgeht, dass es sich bei dem 500 Seiten dicken Buch ausschließlich um Spannungsliteratur handelt, könnte man im Laufe der Seiten einen kleinen Durchhänger bekommen.
Die Geschichte um JR und Will ist nicht pure Action, sondern eine Mischung aus historischen Fakten, einem (Familien-)Drama und mit Gewalt gespickten Machtkämpfen.

Mich hat diese Mischung weitestgehend überzeugt und ich kann mir im Nachhinein gut vorstellen, dass Dunnes Roman auch bei dem breiten Publikum Anklang gefunden hätte. Doch so freue ich mich, dass sich ein kleiner Verlag dazu bereit erklärt hat, „Wie du mir“ auf den Markt zu bringen und bin schon sehr gespannt, wohin dieses viel versprechende Debüt in Zukunft führen wird.

© Ada Mitsou

540 Seiten / 14,90 €  ~ Eire (November 2011) ~ ISBN: 3943380009