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Es wurde schon so oft gesagt und doch muss ich es einfach noch mal betonen: Astrid Lindgren gehört zu den wunderbarsten Kinderbuchautorinnen, die ich kenne. Schon als kleines Mädchen habe ich ihre Geschichten geliebt und konnte mich kringelig lachen, wenn mir meine Mutter von der störrischen Madita und ihrer dummen, aber zuckersüßen Schwester Lisabet vorgelesen hat. Diese Lesestunden gehören zu den schönsten Erinnerungen an meine Kindheit und auch heute noch nehme ich die Bücher gerne zur Hand, um in die Wälder und Felder von Lindgrens Welten einzutauchen.

Das Besondere daran ist für mich nicht nur der Reichtum an Fantasie, sondern vor allem, dass die Autorin mithilfe ganz alltäglicher Schauplätze wunderbar lustige und gefühlvolle Geschichten geschrieben hat. Klar, eine bärenstarke Pipi ist natürlich nicht alltäglich und doch harmoniert das Fantastische mit der Realität, die man als Kind kennt. Lindgren nimmt vertraute Situationen, streut bunten Einfallsreichtum hinein und macht daraus etwas Außergewöhnliches.

Doch es gibt auch Lindgren-Bücher, die anders sind. Während ich die allseits bekannten Geschichten bereits gelesen habe, habe ich um zwei Bücher immer einen Bogen gemacht: „Mio, mein Mio“ und „Die Brüder Löwenherz“. Ich wollte keine Fantasiewelten. Ich wollte Sonne und Schnee, einfache Familien von nebenan und lustige Streiche!
Trotzdem bin ich immer wieder um die gedanklichen Stiefkinder herumgeschlichen, denn wenn man so viele Werke einer Autorin mag, dann möchte man irgendwann auch alle gelesen haben. So kam es, dass ich der diesjährigen Sonderausgabe von „Die Brüder Löwenherz“ nicht länger widerstehen konnte.

Nach dem Lesen fühle ich mich bestätigt. Die Geschichte um die beiden Brüder Jonathan und Karl Löwe ist tatsächlich anders. Das liegt jedoch weniger an der von mir zuvor verschmähten Fantasiewelt, denn die gestaltet sich trotz der fantastischen Elemente sehr realitätsnah, sondern viel mehr an der Grundstimmung des Erzählten. „Die Brüder Löwenherz“ ist kein lustiges Abenteuer, sondern ein Kinderbuch, das sich auf warme, aber auch sehr traurige Weise mit dem Tod auseinandersetzt.

Der kleine Karl ist krank. Während die anderen Kinder in die Schule gehen und allerhand Abenteuer erleben, muss Karl das Bett hüten und gegen böse Hustenanfälle kämpfen. Der einzige Lichtblick im tristen Alltag des Jungen ist sein Bruder Jonathan. Der ist nicht nur der schönste Junge des Dorfes, sondern auch ein wunderbarer Geschichtenerzähler, der Karl durch seine Erzählungen all die Abenteuer jenseits seines Bettes miterleben lässt.

Die Brüder lieben sich innig und doch liegt ein dunkler Schatten über dieser Liebe, denn Karl ist nicht einfach nur krank, er wird bald sterben. Um seinem Bruder die Angst vor dem Tod zu nehmen, erzählt Jonathan ihm von Nangijala. An diesem wundersamen Ort werden die Brüder nach dem Tode wieder vereint sein und das schönste Leben führen, das man sich nur vorstellen kann.

Schneller als erwartet wird diese liebevolle Vorstellung zur Realität und tatsächlich ist alles so, wie Jonathan es prophezeit hat: Die Wiesen sind saftig grün, die beiden Jungs haben jede Menge Spaß zusammen und alle Bewohner des Kirschtals sind ihnen wohlgesinnt. In diesem neuen Leben kennt Karl keine Schmerzen und das Glück, das ihm widerfährt, scheint unerschöpflich. Doch dem ist nicht so.

Karl muss schon bald feststellen, dass auch im Kirschtal Gefahren lauern. Das benachbarte Heckenrosental wird von dem schrecklichen Tengil regiert und bisher traute sich keiner, diesem Tyrann die Stirn zu bieten. Erst durch die Ankunft Jonathans flammt Hoffnung auf, denn er besitzt den Mut eines Löwen und ist bereit zu kämpfen. Da Karl kein Angsthase sein möchte, schließt er sich seinem Bruder an und ahnt dabei nicht, wie sehr diese Entscheidung sein Leben verändern wird…

Oh, wie aufregend es doch ist, in die Welt Nangijalas einzutauchen und oh, wie schwer wird das Herz, wenn einen die Traurigkeit der ersten Seiten umfängt. Das Geschriebene wirkt so warm, herzlich und rührend, dass man nicht anders kann, als sich den Stimmungen vollends hinzugeben.
Ich war von Anfang an von der kindlichen Melancholie gefesselt und doch wirkt das Geschriebene nicht zu schwer, denn Lindgren verwebt die ernste Thematik des Todes mit einer abenteuerlichen Geschichte. Diese beinhaltet zwar viel Schreckliches – Unglück, Leid und Blutvergießen –, aber mindestens ebenso viel Schönes.

In „Die Brüder Löwenherz“ geht es um Mut. Man muss für seine Freiheit kämpfen und den Tyrannen dieser Welt die Stirn bieten. Zugleich sind der Zusammenhalt und die Loyalität das Wichtigste. Ohne die Liebe eines anderen Menschen lässt sich Leid schwer aushalten; ohne wahre Freunde, die zueinander stehen und sich gegenseitig helfen, kann man nicht allzu viel ausrichten.

Karl lernt im Laufe der Geschichte, was Mut und Zusammenhalt bedeuten. Er lernt sich selbst und anderen zu vertrauen und erfährt durch diese Entwicklung eine Wandlung, die über das abenteuerliche Leben in Nangijala hinausgeht. Denn während sich vordergründig alles um diese wundersame Welt dreht, geht es hintergründig um den Tod und darum wie Karl diesem unausweichlichen Ereignis entgegen tritt.

In den 70er Jahren wurde Lindgren für die Wahl dieses Themas stark kritisiert. Der Tod gehöre nicht in Kinderbücher und werde zudem viel zu positiv dargestellt, sodass durch die Aussage des Romans der Selbstmord verherrlicht werde. Auch die Tatsache, dass Lindgren dem Leben nach dem Tod ihre eigene, fantasievolle Note gibt und sich dabei nicht von der christlichen Vorstellung leiten lässt, dürfte damals nicht jedem erwachsenen Leser geschmeckt haben. Und doch ist es eben jene Note, die dem kleinen Karl die Furcht vor dem Tod nimmt und dem Leser Trost spendet.

„Die Brüder Löwenherz“ ist ein Buch, dessen Aussage wahrscheinlich nicht jedem Erwachsenen sofort begreiflich sein wird, denn Erwachsene lesen Kindergeschichten oft nüchterner als die eigentliche Zielgruppe. Während sie versuchen, das Geschriebene mit ihrer erfahrenen Realität in Einklang zu bringen, gehen Kinder unbedarfter an die Thematik heran. Sie lassen sich von ihren Gefühlen leiten, tauchen vollends in das Abenteuer ein und spüren so intuitiv, worum es überhaupt geht.

Da wundert es nicht, dass es auch tatsächlich ein Kind war, das Lindgrens Geschichte als erstes verstanden hat: „Ich habe soeben Die Brüder Löwenherz gelesen. Vielen Dank, dass du so einen glücklichen Schluss geschrieben hast.“, sagt das Mädchen, das die kleine Ida in den Michel-Filmen gespielt hat, zu Astrid Lindgren am Telefon und trifft damit die Kernaussage des Buches.

„Die Brüder Löwenherz“ ist traurig. Die Geschichte des kleinen Karl geht einem ans Herz und der Kampf der Kirschtalbewohner birgt grausame Schrecken in sich. Trotzdem liegt zwischen den Zeilen so viel Liebe und Herzlichkeit, dass man während des Lesens nie die Hoffnung verliert und sich am Ende gar seltsam getröstet fühlt. Eine ausdrückliche Empfehlung an alle Leser.

Altersempfehlung: ab 10 Jahren

© Ada Mitsou

236 Seiten / 9,95 € ~ Oetinger (Januar 2012) ~ ISBN: 3789158607

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