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Auf einer Europareise fängt sich Elisabeth Tova Bailey einen Virus ein, der ihr Leben schlagartig ändert. Sie fühlt sich zunehmend schwächer, wird ins Krankenhaus eingeliefert und kämpft dort um ihr Leben. Sie gewinnt den Kampf, ist jedoch fortan in ihrer Bewegung eingeschränkt. Allein das Aufsetzen bereitet ihr Mühe, das Aufstehen wird zu einem Kraftakt, den sie nicht bewältigen kann. Während ihre Freunde und Nachbarn einem geregelten Tagesablauf nachgehen, ist Elisabeth jahrelang ans Bett gefesselt. Ihr einziger Kontakt zur Außenwelt ist ihre Pflegerin, die mehrmals am Tag für eine halbe Stunde vorbeischaut, sowie ihre Freunde, die sie ab und zu besuchen.

Bei einem dieser Besuche bekommt Elisabeth ein Ackerveilchen geschenkt, in dessen Topf eine Schnecke sitzt. Ist sie zunächst ratlos, was sie mit dem Tier anfangen soll, widmet sie ihm bald ihre ganze Aufmerksamkeit. Die Schnecke wird zu Elisabeths Anker in der Isolation und füllt die einsamen Tage mit faszinierenden Beobachtungen und intensiven Studien über das Leben dieser unscheinbaren Spezies. Diese Studien gaben Elisabeth Anlass, „Das Geräusch einer Schnecke beim Essen“ zu schreiben.

Das Buch ist anders als andere Bücher, erfordert es doch in besonderem Maße die Geduld und Wissbegier des Lesers. Das Geschriebene lebt nicht von einer abwechslungsreichen Handlung, sondern von leisen Beobachtungen, eingestreuten Gedankengängen und vor allem einer Vielzahl wissenschaftlicher Aufsätze und Untersuchungen.

Es handelt sich nicht um einen gewöhnlichen Roman, sondern um eine Kombination aus persönlichem Schicksal und Sachbuch. Streckenweise hätte ich mir gewünscht, dass Elisabeths Leben und die damit verbundenen Gefühle mehr im Vordergrund ständen, denn gerade in der Mitte des Buches geht es hauptsächlich um die biologischen Eigenschaften der Schnecke, um die Beschaffenheit ihrer Zunge, die Konsistenz ihres Schleims und die Nahrungsaufnahme, wodurch das Gelesene jenen Lehrbüchern gleicht, die Elisabeth zu Rate zieht.

Und doch sind diese Fakten nicht langweilig, denn wenn man sich einmal auf die Form des Buches eingelassen hat, steigt die Faszination mit jeder Eigenschaft der Schnecke ein wenig mehr. Ich war erstaunt, mit welchen sonderbaren Eigenschaften dieses kleine, scheinbar langweilige Tier ausgestattet ist, dem man auf den ersten Blick nicht ansieht, wie viel in ihr steckt. Und durch Elisabeths vermenschlichende Beschreibungen – ihr wird die Schnecke zu einer ungewöhnlichen Freundin – fiel es mir nicht schwer, Zugang zu den Fakten zu finden, zumal sich die Autorin auf die wichtigsten Fachausdrücke beschränkt und sich abseits davon einer leicht verständlichen Sprache bedient.

„Das Geräusch einer Schnecke beim Essen“ ist die Wertschätzung der Entschleunigung in Buchform, denn die gerade mal 176 Seiten strömen eine wohltuende und merkwürdigerweise auch herzerwärmende Ruhe aus. Zwar muss man sich darauf einlassen können, damit man das Gelesene nicht als langweilig empfindet, doch wenn man dies kann, wird man mit der Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft und ansprechend aufbereitetem Fachwissen belohnt.

Am Ende hätte ich gerne selbst eine Schnecke, wüsste ich nicht, dass sich die Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum am wohlsten fühlen. Stattdessen freue ich mich, dass jemand anderes die Aufmerksamkeit und Geduld aufgebracht hat, dieses kleine Wesen unter die Lupe zu nehmen, denn auch wenn ich das Wissen nicht unbedingt brauche, so war es doch eine besondere Erfahrung, es in mich aufzunehmen.

© Ada Mitsou

176 Seiten / 16,90 € ~ Nagel & Kimche (Februar 2012) ~ ISBN: 3312004985

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