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„Krankmeldungen“ ist für mich eine große Enttäuschung. Während sich die Kritiker vor Lob überschlagen, sitze ich da und suche nach dem beeindruckenden Gefühl, das angeblich eine ganze Generation portraitieren soll. Mit Wohlwollen hätte ich dieses Buch mit Anfang 20 vielleicht noch ganz interessant gefunden, doch jetzt bröckelt die Fassade und legt einen Roman frei, der auf mich wie ein belangloses Kunstobjekt und die gescheiterte Anlehnung an Salingers „Der Fänger im Roggen“ wirkt.

Die Dialoge erscheinen streckenweise so konstruiert und überzogen, dass man förmlich spürt, dass die Autorin etwas Außergewöhnliches schaffen wollte, doch die Wirkung bleibt aus. Stattdessen haftet dem Geschriebenen ein künstlicher Beigeschmack an und das besagte Gefühl geht zwischen dem pathetischen Selbstmitleid der Protagonistin verloren.

Es passiert nicht viel: Esther hatte eine schwierige Kindheit, was möglicherweise der Grund dafür ist, dass sie sich heute täglich besäuft, ungewaschen unter ihrer fleckigen Bettdecke liegt und vergammelte Teebeutel anstarrt. Ab und zu rafft sie sich mühsam auf, krabbelt auf allen Vieren durch die Wohnung und führt teils abstoßende und sinnentleerte Gespräche mit ihrer besten Freundin und Mitbewohnerin Donna. Während diese in einer Bar arbeitet, streift Esther ziellos durch Manchester. Eines Abends lernt sie Newton kennen, einen unattraktiven Musiker, dessen Leben laut eigener Aussage durch die wenigen Stunden mit Esther eine vollkommen neue Bedeutung bekommt (gähn!) und der ihr Gesicht zum Sterben schön findet (doppelgähn!). Die beiden verbringen zwei, drei Tage miteinander, dann reist Newton ab und Esther ertrinkt in Selbstmitleid und pathetischen Gefühlen.

Das Ende vom Lied? Es gibt kein Ende. Alles plätschert so belanglos vor sich hin wie zuvor. Esther entwickelt sich genauso wenig wie die Handlung. Sie besäuft sich weiterhin, gibt immer noch zusammenhangslose Satzfragmente von sich, bedauert sich selbst und macht ihren Freunden und Bekannten mit ihrer selbstzerstörerischen Art das Leben schwer.

Trotzdem gibt es auch Passagen, die aus dieser Masse herausstechen und den Blick auf tiefere Schichten freilegen, so zum Beispiel wenn Esther von ihrer Kindheit erzählt. Doch leider sind diese Stellen nur wenige Lichtblicke in dem oben geschilderten Brei. Zurück bleibt nichts. Ich bin weder beeindruckt noch fühle ich mich berührt. Stattdessen verbuche ich „Krankmeldungen“ unter den Fehlgriffen, die einen manchmal aufgrund eines schönen Covers und des interessant wirkenden Klappentextes verführen.

© Ada Mitsou

204 Seiten / 17,90 € ~ Schöffling (Februar 2009) ~ ISBN: 9783895613555

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