Schlagwörter

, , , , , , , , , ,

Dieses Buch habe ich von einem Blog mitgenommen, der seinem Namen alle Ehre macht: Bücher entdecken. Von der kanadischen Kinderbuchautorin Polly Horvath hatte ich zuvor noch nie gehört, doch Buchmarie hat mich durch ihre Rezension so neugierig auf „Unser Haus am Meer“ gemacht, dass ich das Buch unbedingt haben wollte.

Von schrulligen Dorfbewohnern ist die Rede, von einer zappelnden Seele voller Abenteuerlust und kleinen poetischen Wundern am Wegesrand. Ob das Buch wohl hält, was die Bloggerin verspricht?

Das tut es, denn „Unser Haus am Meer“ ist ein Kinderbuch, das mich gerade wegen seiner Andersartigkeit für sich einnehmen konnte. Andersartigkeit bedeutet in diesem Fall herrlich skurrile Persönlichkeiten zu treffen, abstruse Abenteuer mitzuerleben und während des Lesens eine große Portion Herzenswärme zu fühlen.

Es beginnt damit, dass Jane mit ihrer Familie in einem Haus am Meer wohnt. Dieses Haus ist nicht einfach irgendein Haus, sondern das sechste Mitglied der Familie Fielding. Es seufzt, wenn jemand die Haustür zuschlägt, es bietet Jane Schutz, wenn sie sich von den engen Straßen der Stadt erdrückt fühlt und ist schlichtweg ein Zuhause, wie Jane es sich wünscht.

Janes Mutter ist Dichterin. Während sie vorzugsweise nachts schreibt, kümmert sie sich tagsüber um Jane und ihre drei kleinen Geschwister, sammelt Muscheln und Algen vom Meer und zaubert daraus kleine, aber feine Mahlzeiten für die ganze Familie. Einen Vater hat es nie gegeben, auch wenn dafür einige Kandidaten in Frage kämen.
Diese Lebensweise behagt den Einwohnern des Ortes natürlich nicht, doch Jane macht sich nichts daraus, denn sie liebt alles so, wie es ist und fühlt sich mit Mama und Meeresrauschen pudelwohl.

Was Jane jedoch nicht mag, ist Langeweile und so kommt es, dass sie sich eines Tages in der Kirche 100 Abenteuer für den Sommer wünscht. Zu diesem Zeitpunkt ahnt sie noch nicht, dass die Abenteuer tatsächlich kommen, allerdings nicht immer so, wie sie es erwartet, denn manche davon sind haarsträubend gefährlich, rätselhaft verwirrend oder einfach so verrückt, dass sie einem niemand glauben würde, würden sie Jane nicht wirklich passieren…

Während ich diese Abenteuer mitverfolge, muss ich mehrmals mit dem Kopf schütteln und schmunzeln. Horvath hat so viele verrückte Ideen und Figuren in das Buch einfließen lassen, dass es eine wahre Freude ist, das Erzählte in sich aufzunehmen. So glaubt die Pfarrerin des Ortes heilende Hände zu haben und macht sich wie besessen auf die Suche nach der magischen „Pfote“, von der eine etwas zwielichtige Wahrsagerin gesprochen hat. Zugleich ist Mrs Parks, eine ältere Dame, todunglücklich, weil sie nicht ins Krankenhaus darf und das, obwohl sie doch offensichtlich sterbenskrank ist, viel kränker als alle anderen alten Damen, aber das interessiert ja niemanden! Und dann gibt es da noch H.K.s verrückte Schwester Dorothy, die Janes bester Freundin Ginny Zitronen auf den Kopf wirft und eigentlich in eine Nervenklinik gehörte.

Man ahnt es vielleicht: Es stellt sich die Frage, ob es sich hier tatsächlich um ein Kinderbuch handelt oder vielleicht doch eher um ein Augenzwinkern, das für Erwachsene bestimmt ist. Ehrlich gesagt, ich bin mir nicht sicher. Auf der einen Seite ist „Unser Haus am Meer“ durchaus kindgerecht geschrieben, sehr abenteuerlich und voller schöner, aufregender Momente. Auf der anderen Seite besitzt Horvath soviel skurrilen Humor, dass ich mich frage, ob Kinder diese Art von Humor überhaupt schon erfassen können.

Das könnte in Anbetracht des Genres negativ sein, doch letztlich bin ich der Meinung, dass „Unser Haus am Meer“ ein Vergnügen für beide Altersklassen sein kann. Kinder finden bestimmt Gefallen an dem Vordergründigen, an Janes Begegnungen, ihren Sorgen und Nöten und den spannenden, weil unerwarteten Wendungen der Handlung. Erwachsene erfreuen sich an dem, was zwischen den Zeilen liegt, weil so einige Eigenarten des Menschen auf die Schippe genommen werden.

Was ich für beide Altersklassen gleichermaßen schön finde, ist die Stimmung, die das Erzählte vermittelt und die Aussage, die dahinter steht: Anderssein muss nicht schlecht sein, denn jeder ist auf seine Weise glücklich, solange es Menschen gibt, die füreinander da sind und sich gegenseitig helfen. Jane hat das Glück, solche Menschen zu kennen, wodurch „Unser Haus am Meer“ nicht nur verrückt, sondern auch wunderbar menschlich, bisweilen poetisch und vor allen Dingen schön ist.

Jane würde sagen: Man muss immer offen sein, denn nur dann können einem die Wunder begegnen. In diesem Sinne hoffe ich, dass es da draußen viele offene Leser gibt, die genau wie ich das Wunder in diesem schönen Büchlein finden.

Altersempfehlung: ab 11 Jahren

Teil 2

© Ada Mitsou

256 Seiten / 14,90 € ~ Bloomsbury (April 2011) ~ ISBN: 9783827053817