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Dieses Buch ist anders. Es passt in keine meiner Schubladen so richtig hinein: Ist es ein Bilderbuch? Ein Comic? Handelt es sich um Kindergeschichten oder um Geschichten für Erwachsene?
Es ist ganz leicht zu lesen und trotzdem verstehe ich nicht alles. Ich lese die Worte und denke: Was bedeutet das? Was soll das heißen? Was meint er damit?

Bei fast jeder Geschichte stelle ich mir diese Fragen und fühle mich dabei ganz komisch. Es ist als würde ich eine Reise unternehmen; als hätte ich eine Tür geöffnet, hinter der sich eine Parallelwelt verbirgt. Ich staune über die Dinge, die ich dort sehe. Sie verwirren mich. Sie sind mir fremd. Aber während ich so darüber nachdenke, ist es, als bekäme die Schale der Geschichte mit jedem weiteren Gedanken einen feinen Riss. Am Ende zerspringt sie zu Staub und statt ihrer wächst dort plötzlich eine wunderschöne Blume, die ich so klar vor Augen habe, dass ich glaube, alles zu verstehen, absolut alles.

Diese wundersame Wandlung begründet sich darin, dass Tan mit Hilfe von etwas Fremdem in das Vertrauteste des Menschen vordringt. Vordergründig kreiert er Fantasiewelten mit wundersamen Gestalten, kuriosen Gegenständen und seltsamen Begebenheiten. Wenn man in diese Welten eintaucht, hat man das Gefühl, dass nichts so richtig Sinn ergibt. Man kann dieses Buch nicht einfach lesend verstehen. Dafür ist es zu verrückt.

Wenn man sich jedoch während des Lesens von der Realität löst und stattdessen auf seine Intuition hört, dann erkennt man sich plötzlich wieder, denn hintergründig nutzt Tan nichts anderes als den Menschen selbst. Er verbildlicht seine Ängste und Sorgen, seine Vorurteile, Einfältigkeit und Bosheit. Zugleich beruft er sich auf die menschliche Neugier, auf die Kraft der Liebe und den Erfindungsreichtum in der Not. Kurzum: Tan hält dem Leser mit wenigen Worten und wunderbaren Zeichnungen einen Spiegel vor.

Er beschreibt das, was uns Menschen ausmacht, verpackt es jedoch so fantasievoll und kurios, dass man es nicht sofort erkennt. Hier könnte sich die Leserschaft teilen, denn wenn man sich auf das Wundersame nicht einlassen kann, sieht man nichts als ansprechende Zeichnungen und komische Geschichten. Wenn man jedoch bereit ist, das Erzählte zu fühlen und zu reflektieren, offenbart sich eine emotionale und teils auch philosophische Vielfalt, die einen gänzlich ausfüllt.

Ich habe selten ein Buch gelesen, das so merkwürdig und schön zugleich ist, weswegen ich es an dieser Stelle nicht jedem empfehle, sondern nur jenen, die auf der Suche nach etwas ganz Besonderem sind.

© Ada Mitsou

96 Seiten / 19,95 € ~ Carlsen (Juli 2008) ~ ISBN: 9783551581983

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