Schlagwörter

, , , , , , , , ,

Hugo ist elf Jahre alt und jüdischer Abstammung. Zur Zeit des Zweiten Weltkrieges lebt er zusammen mit seiner Mutter Julia in einem ukrainischen Ghetto, wo sich die Lage dramatisch zuspitzt. Während Hugos Vater bereits von den Nazis deportiert wurde, sucht seine Mutter verzweifelt nach einem Bauern, der Hugo jenseits der Stadt und somit in scheinbarer Sicherheit bei sich aufnehmen möchte. Doch ihre Suche bleibt erfolglos. Zu viele Kinder müssen versteckt werden und zu wenige Bauern sind vertrauenerweckend oder bereit dieses Risiko einzugehen, denn wer einen Juden versteckt und dabei erwischt wird, wird unverzüglich hingerichtet.

In ihrer Verzweiflung fällt Hugos Mutter nur noch eine Person ein, zu der sie ihren Sohn bringen kann: Mariana. Mariana ist eine Prostituierte, die Julia schon seit vielen Jahren kennt. Die beiden Frauen verbindet nichts außer einer Vielzahl geheimer Treffen, bei denen Julia Mariana mit Medikamenten versorgt hat. Nun vertraut sie darauf, dass Mariana sich um Hugo kümmern wird und bringt ihn in einer Nacht und Nebel Aktion zu ihr, während sie selbst in den Nachbardörfern Unterschlupf sucht.

Fortan ist Mariana Hugos einziger Bezug zur Außenwelt. Während sie nachts ihrer Arbeit nachgeht, hält sich der Junge in der Abstellkammer versteckt. Mucksmäuschenstill muss er sein, damit seine Anwesenheit vor den Freiern, aber auch den anderen Mädchen verborgen bleibt. Nur am Tage darf er herauskommen und ein wenig in Marianas Zimmer spielen.
Doch Hugo verliert schon bald die Lust am Spielen. Er vermisst seine Mutter. Mariana ist zwar lieb, unterliegt jedoch unberechenbaren Stimmungsschwankungen und in Anbetracht ihrer Kunden, die durchweg der deutschen Armee angehören, lebt Hugo in der ständigen Angst entdeckt zu werden.

Ein bis zwei Jahre lang verfolgt der Leser, wie es dem Jungen ergeht. Wirkt Hugo zu Beginn noch kindlich, so weicht diese Kindlichkeit recht bald einsamen, philosophischen Gedankengängen. Die Entwicklung ist den Umständen zuzuschreiben, in denen Hugo lebt: Er hat keinen Kontakt zu anderen Kindern, geht nicht in die Schule und darf sich nicht frei bewegen.

Trotzdem wirken seine Gedanken auf mich zu schnell zu erwachsen. Es ist, als lese ich die Geschichte über einen kleinen Jungen, durch den streckenweise ein Erwachsener spricht, der die Gedanken zu der damaligen Zeit in Worte fassen möchte. Das, was ich lese, ist melancholisch, doch es hat einen Beigeschmack, der Hugo nicht immer authentisch wirken lässt.

Auch in anderen Büchern, in denen Kinder aufgrund der politischen Ereignisse in Deutschland ihren Familien entzogen werden, kann man diese Wandlung – das zu schnelle Erwachsenwerden – oft nachlesen. Sie erleben Dinge, die ihre kindliche Unschuld auslöschen und sie dazu zwingen erwachsen zu werden. Doch anders als beispielsweise bei Presslers „Malka Mai“ wird Hugo nicht unmittelbar mit den Grausamkeiten des Krieges konfrontiert. Trotz seiner Isolation hat er es noch vergleichsweise gut. Mariana kümmert sich um ihn, er bekommt reichhaltiges Essen (wenn auch nicht immer regelmäßig) und muss das, was außerhalb des Bordells vor sich geht, nicht mit ansehen. Mariana versucht, dem Jungen Liebe zu geben, auch wenn diese Liebe eine gänzlich andere Liebe als die seiner Mutter ist.

Die Abwesenheit jener und Hugos Sehnsucht nach ihr und seinen Freunden machen „Blumen der Finsternis“ interessant. Auf der Handlungsebene passiert verhältnismäßig wenig, doch Hugos Träume bieten genug Möglichkeiten unter die Oberfläche zu schauen. Während der Junge schläft, verarbeitet er die Geschehnisse und erschafft sich auf diese Weise eine Realität, die das Unbegreifliche greifbar macht.
Hugos Träume und Gedanken bringen das zum Ausdruck, was die Handlung nicht erzählen kann, wodurch der Leser aufgefordert wird, sich mit dem Geschriebenen auseinanderzusetzen.

„Blumen der Finsternis“ ist anders als die anderen Bücher über die Judenverfolgung. Es beleuchtet weniger die Aspekte des Krieges und konzentriert sich stattdessen auf die unfreiwillige Zusammenführung eines Kindes und einer Prostituierten. Beider Seelen sind zerrüttet. Sie arrangieren sich miteinander und geben einander Halt, bis die äußeren Umstände sich wandeln und das Gewesene fast schon unwirklich erscheint.

© Ada Mitsou

320 Seiten / 19,90 € ~ Rowohlt (Oktober 2008) ~ ISBN: 9783871345852

Advertisements