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In „Erlösung“, dem dritten Fall für das Sonderdezernat Q und somit auch den mürrischen Vizekommissar Mørck, legt Jussi Adler-Olsen von allem eine Schippe drauf – zwei Fälle auf einmal, komplexere Zusammenhänge und chamäleonhafte Charaktere.
Der Bogen ist bis zum Anschlag gespannt, allerdings stellt sich die Frage, ob Adler-Olsen mit diesem „Mehr von allem“ ins Schwarze trifft oder gar über das Ziel hinausschießt…

An der schottischen Küste wird eine Flaschenpost gefunden, die über die Jahre in Vergessenheit gerät. Erst nach dem Tod des zuständigen Polizisten gelangt sie in die Hände von Mørcks Team, doch die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen. Kondenswasser und direkte Sonneneinstrahlung haben den Text nahezu unlesbar gemacht, allerdings deutet das wenige, was noch zu entziffern ist, auf einen ernstzunehmenden Fall hin. Die Nachricht wurde mit menschlichem Blut verfasst und entpuppt sich als eindeutiger Hilferuf.

Zeitgleich hält eine Reihe von Brandstiftungen die dänische Polizei auf Trab. Obwohl die aktuellen Ermittlungen nicht in den Aufgabenbereich des Sonderdezernats Q fallen, kann Assad sie nicht ignorieren. Zufällig stößt er auf Hinweise, die Mørcks Vorgesetzten dienlich sein könnten, sodass diesmal nicht nur ein Fall, sondern gleich zwei im Fokus der Ermittlungen stehen.

Während die Brandstiftung nebenher läuft, hat die Flaschenpost Vorrang. Fieberhaft versuchen Assad und Rose der Sache auf den Grund zu gehen, wohingegen der Vizekommissar nur langsam in die Gänge kommt. Gewohnt schlecht gelaunt und träge fläzt er in seinem Bürosessel, qualmt eine nach der anderen und hängt seinen Tagträumen nach weniger Arbeit und mehr Sex nach. So kennt man ihn und so möchte ihn der treue Leser auch haben.
Neu hingegen ist Roses Zwillingsschwester Yrsa, die unerwartet für Rose einspringt, nachdem diese beleidigt abgerauscht ist.

An diesem Punkt habe ich zum ersten Mal gedacht, dass Adler-Olsen zu dick aufträgt.
Die Figur Yrsa ist so überzeichnet, dass sie der Handlung etwas Komödienhaftes verleiht. Sie wirkt nicht direkt fehlplaziert, da sie ihre Arbeit recht anständig macht, aber eben sehr überzogen, sodass ich das schelmische Zwinkern des Autors geradezu vor Augen habe.

Zu meinem Eindruck von Adler-Olsen als Typ passt das hervorragend, allerdings ist Yrsa für mich ein Stolperstein in der Handlung. Anscheinend kann jeder einfach so ins Präsidium marschieren, sich heimisch einrichten und Einblicke in polizeiinterne Akten werfen.
Bei Assad war das auf gewisse Weise auch der Fall, doch während der sich erst beweisen musste, wird Yrsa ohne das geringste Zögern in die Ermittlungen einbezogen. Das erscheint mir unrealistisch.

Trotzdem hat das Auftauchen von Yrsa einen Sinn, der sich dem Leser später erschließt. Ihr Dasein findet also seine Berechtigung, was man von dem Branstifterfall nicht gerade sagen kann. In meinen Augen ist die Parallelermittlung vollkommen überflüssig und zieht die Handlung nur unnötig in die Länge. Ich weiß nicht, ob Adler-Olsen damit die Spannung erhöhen wollte, doch in Anbetracht des eigentlichen Falls hätte er das gar nicht nötig gehabt, denn der ist so spannend und interessant konstruiert, dass man die Einschübe des zweiten Falls einfach nur als lästig empfindet.

Um auf meine Ausgangsfrage zurück zu kommen: Ja, meiner Meinung nach schießt Adler-Olsen an ein paar Stellen über das Ziel hinaus. Yrsas sofortiger Einbezug in die Ermittlungen wirkt unrealistisch, den Brandstifterfall hätte man streichen können und vereinzelte Zufälle, die zur Überführung des Täters führen, wirken allzu konstruiert.

Trotzdem trifft der Autor auch ins Schwarze, denn wenn man von diesen Kritikpunkten absieht, handelt es sich bei „Erlösung“ um einen Fall, der weit komplexer als die Vorgängerfälle ist. Den Leser erwarten ein psychologisch interessantes Täterprofil, länderübergreifende Ermittlungen und actionreiche Wendungen. Die bewährten Charakterzüge von Mørck und Assad machen die Fans des eigenwilligen Teams glücklich und im Ganzen handelt es sich um einen Fall, der sehr gut unterhalten kann. Eigentlich ist „Erlösung“ für mich sogar der bisher beste Band der Reihe, doch weniger ist manchmal mehr, weswegen ich aufgrund der überladenen Handlung einen Stern abziehe.

Der vierte Fall für das Sonderdezernat Q erscheint im September 2012 unter dem Titel „Verachtung“.

Die Reihenfolge der Fälle:
Erbarmen
Schändung
Erlösung

© Ada Mitsou

592 Seiten / 14,90 € ~ dtv (Juli 2011) ~ ISBN: 9783423248525