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Als ich heute meine Neuerwerbungen auspackte, geriet ich auf persönliche Art ins Staunen. In der einen Hand hielt ich den wohl leichtesten und dünnsten Roman aller Zeiten: „Alice im Wunderland“ auf bloß einer Seite. Zugegeben diese eine Seite ist überdimensional groß, aber doch federleicht und gemessen an der Standardausgabe hauchdünn.
In der anderen Hand hielt ich das schwerste und dickste Taschenbuch, das ich nun besitze. Es gibt auf der Welt bestimmt mindestens noch eines, das die Quarto Ausgabe von Frischs ausgewählten Werken in diesen Kriterien übertrifft, doch dieses Buch mit dem flexiblen Einband liegt in meiner Hand wie ein Backstein – der inhaltsreichste, den ich jemals gehalten habe.

Über der Betrachtung dieser beiden Gegenstände geriet ich ins Nachdenken. Wie merkwürdig es ist, welche Formen die Literatur bzw. deren Verpackung heutzutage annimmt. Als ich die beiden Stichworte „Form“ und „Literatur“ in die Suchmaschine eingab, stieß ich bei meiner Recherche auf das in der Artikelüberschrift gekürzte Zitat von Albert Camus. Eigentlich bezog sich der französische Schriftsteller und Philosoph mit diesem Ausspruch auf die Kunst, doch ist nicht auch die Literatur ein Teil dieser und somit eine in Form gebrachte Forderung nach dem Unmöglichen?

Ich bin eine Vielleserin. Was mich antreibt, ist der sprichwörtliche Hunger. Ich bin hungrig nach Geschichten, die nicht meine sind, es aber sein könnten – für den Moment und bloß in meiner Phantasie.
Das, was ich lese, entspricht selten oder nahezu nie meiner Realität, viel mehr ist es so, als würde ich in eine fremde Haut schlüpfen. Ich nehme unsichtbar an dem Leben eines anderen teil, ohne dass es diesen Jemand überhaupt gibt. Ich fühle mich in sein nicht-existentes Herz, lasse mir seine erfundenen Gedanken in den Kopf legen und gehe durch Straßen, die nichts als Hirngespinste sind. Bestenfalls ist es so, als wäre ich für einen begrenzten Zeitraum dieser Mensch, der eigentlich gar keiner ist.

Meine Phantasie ist grenzenlos. Sie führt mich an Orte, an denen ich noch nie gewesen bin und arrangiert die Gegenstände so, wie ich sie noch nie mit eigenen Augen gesehen habe. Sie malt ganze Landschaften in den buntesten Farben und zeichnet fremde Lippen, Augen und Haare bis ins kleinste Detail. Auf die Gesichter lege ich Mienenspiele, in das Erzählte Gefühle.

Kritiker bemängeln, dass diese Flucht in die Literatur das eigentliche Leben bis zu einem gewissen Grad verhindere. Man lese viel lieber über etwas, als es selbst zu tun und verpasse dadurch möglicherweise wertvolle Erfahrungen, die das eigene Leben bereichern und die Persönlichkeit formen.
Aber formt nicht auch die Literatur, die man von Kindesbeinen an in sich aufnimmt, die Persönlichkeit? Nimmt man nicht auch aus vielen erfundenen Leben etwas für das „echte“ Leben mit?

Inwieweit hat euch die Literatur geformt? Glaubt ihr, dass ihr jetzt anders wärt, wenn ihr in eurem bisherigen Leben nicht so viel gelesen hättet?

Trägt das Einverleiben und Nachfühlen fiktionaler Geschichten und Schicksale dazu bei, dass man sich besser in einen anderen Menschen und fremde Situationen hineinversetzen kann? Erweitern nicht nur die gemachten Erfahrungen, sondern auch das Lesen den Horizont und stärkt es wirklich die sozialen Kompetenzen oder ist dies bloß eine vage Theorie?

Ich bin gespannt, wie ihr das seht!