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Das schärfste Gericht der tatarischen Küche ist wohl Rosalinda, denn ich bin selten einer Hauptfigur begegnet, die so scharfzüngig, unsensibel und herrschsüchtig ist wie sie. Als Leserin merkt man schnell, mit wem man es hier zu tun hat, denn bereits auf den ersten Seiten musste ich kräftig schlucken: Rosalindas einzige Tochter Sulfia ist schwanger. Sie kann sich nicht erklären, wie es dazu gekommen ist, doch während sie wie ein Häufchen Elend bei ihrer Mutter sitzt, wird sich diese schnell klar darüber, was zu tun ist: Das Kind muss weg!

Nach einem kochendheißen, aber erfolglosen Senfbad nimmt Rosalinda das Angebot ihrer Untermieterin an und vertraut auf die angepriesene Stricknadelmethode – zuhause, ohne Betäubung, aber vor allem ohne Mitgefühl für Sulfia.
Rosalinda hat noch nie viel von ihrer Tochter gehalten, war sie doch stets mickrig, kränklich und abgrundtief hässlich – also das genaue Gegenteil der Ich-Erzählerin. In unbarmherzigen Schilderungen lässt sie sich darüber aus, welch große Enttäuschung dieses Kind ist und wie wertlos die Persönlichkeit, die darin steckt.

Ich bin schockiert!
Zwar hatte ich aufgrund diverser Kritiken bereits geahnt, dass Rosalinda eine unsympathische Person sein muss, doch ich hatte nicht geahnt, welche Wirkung das Gelesene auf mich haben wird. Während ich im Zug sitze und meine Sitznachbarin genüsslich schmatzend ihren Apfel isst, hadere ich mit mir selbst. Wie soll diese Geschichte weitergehen, wenn sie direkt mit so einem Knaller anfängt? Und möchte bzw. kann ich das wirklich lesen?

In mir drin wächst die Abneigung. Rosalinda lässt meine Augen vor Abscheu schmal werden und mein Mund verzieht sich zu einem zusammengepressten Strich.
Trotzdem bin ich neugierig, denn ich frage mich, was sich die Autorin dabei gedacht hat. Wo wird sie Rosalinda hinführen? Schafft sie es wirklich, diese harte Linie über 300 Seiten hinweg beizubehalten oder wird es einen wundersamen Persönlichkeitswandel geben?

Um eine dieser Fragen direkt zu beantworten: Sie schafft es. Zwar verändert sich Rosalinda im Laufe der erzählten Jahre, doch es ist mir beinahe unheimlich, wie durch und durch stimmig ihr Charakter wirkt. Ich gehe nicht davon aus, dass die 1978 geborene Alina Bronsky zu der Sorte Mensch gehört, die sie in ihrem Buch beschreibt. Umso mehr beeindruckt es mich, wie überzeugend sie den eigenwilligen Charakter ihrer Hauptfigur transferiert.

Resolut und vollkommen von sich überzeugt schreitet Rosalinda durchs Leben. Die Tatarin weiß ganz genau, was sie möchte und schreckt nicht davor zurück, es teils auf taktlose, teils durchtriebene Weise zu erreichen.  Sowohl Mitleid als auch Mitgefühl sind unerwünscht, denn damit kommt man ihrer Meinung nach nicht weiter. Stattdessen brauchen ihr Kind und ihr Ehemann eine harte Hand, die sie durchs Leben führt und nur das Beste für sie ermöglicht. Es tut ja sonst keiner.

„Dummerweise“ gehen auch Rosalindas Pläne nicht immer auf, denn das eigentlich abgetriebene Enkelkind kommt schließlich doch noch auf die Welt. Mit Aminats Geburt wird ein Prozess in Gang gesetzt, der in Rosalinda etwas bewegt. Sie liebt dieses Kind abgöttisch. Endlich ist das Mädchen da, das eigentlich ihr zugestanden hätte und deswegen macht Rosalinda genau das, womit tausende von Töchtern zu kämpfen haben: Sie mischt sich in die Erziehung ein, untergräbt Sulfia in ihrer Rolle als Mutter und reißt alles an sich.

Dass Sulfia darunter leidet, ist offensichtlich. Immer und immer wieder pfuscht Rosalinda ihr ins Leben und obwohl diese in ihren Augen nur das Beste für alle möchte, zerstört sie kontinuierlich das zwar bescheidene, aber gewünschte Glück ihrer Tochter. Am Ende siegt die Gerechtigkeit, wenn auch auf verhältnismäßig milde Weise.

„Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“ ist keine herzerwärmende Geschichte. Das, was der Leser vorgeführt bekommt, ist eine Art Tragikomödie der schwärzesten Sorte, denn Rosalindas Verhalten übertritt oft die Grenzen des guten Geschmacks und fast immer die jeglicher Moral. Wer einen Sinn für Zynismus und bittere Ironie hat, wird sich das eine oder andere Schmunzeln nicht verkneifen können, denn obwohl das Erzählte eigentlich nicht zum Lachen ist, wirkt es in dieser Hinsicht doch an vielen Stellen erheiternd. Rosalindas abstruse Pläne sind bisweilen zu komisch und deren Umsetzung derart dreist, dass man den Erfolg kaum fassen kann.

Vielleicht muss man den nötigen, persönlichen Abstand wahren, um an dem Geschriebenen Gefallen zu finden. Zu Beginn fiel mir das schwer, doch im Laufe der Geschichte entwickelte der Roman einen Sog, dem ich mich nicht mehr entziehen konnte.

„Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“ ist bitterböse und zugleich ein Sinnbild für grenzenlose, aber auch zerstörerische Mutterliebe. Rosalinda widerspricht meiner Vorstellung von Menschlichkeit und Moral nahezu gänzlich und doch hat es mir gefallen, dieses Buch zu lesen – vielleicht auf eine ähnliche Weise wie es Bronsky gefallen hat, ihrer Rosalinda Leben einzuhauchen.

© Ada Mitsou

317 Seiten / 8,99 € ~ KiWi (April 2012) ~ ISBN: 3462043927