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Die Frankfurter Buchmesse ist das Ereignis des Jahres für Verlage, Buchhändler, Autoren, aber auch zahlreiche Leser, die nicht in der Buchbranche arbeiten. Berufsbedingt hatte ich in diesem Jahr die Möglichkeit, auf recht unkompliziertem Wege dabei zu sein, also habe ich die Gelegenheit genutzt, um mir das literarische Spektakel erstmalig anzuschauen.

Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht, doch anders, als man es jetzt vielleicht vermuten könnte,  waren besagte Erwartungen bereits im Vorfeld eher niedrig angesetzt.
Ich bin eine unauffällige Leserin und eine zurückgezogene Bloggerin. Ich unterhalte mich sehr gerne mit Gleichgesinnten und freue mich über jeden Kontakt, der durch das Lesen zustande kommt. Allerdings bevorzuge ich hinsichtlich dessen eine persönliche Atmosphäre. Ein schriftlicher Gedankenaustausch oder ein Treffen im kleinen Kreis ist mir lieber, als ein kurzer Plausch inmitten hunderter von Menschen und unter Zeitdruck.

Ich mag es nicht, mich in eine Menschentraube zu quetschen, um sehen zu können, wer da vorne spricht und ich fühle mich unwohl dabei, mich selbst anzupreisen, indem ich für das werbe, was ich tue. Beides sind denkbar ungünstige Voraussetzungen für einen Buchmessenbesuch an einem Fachbesuchertag, geht es an diesen Tagen doch vor allem darum, Kontakte zu knüpfen und sich ins Gespräch zu bringen.

Dass diese Intention der Wahrheit entspricht, wird mir als stille Beobachterin schnell klar. An jedem zweiten Stand findet sich mindestens ein Anzugträger, der im angeregten Gespräch mit seinem Gegenüber sein Köfferchen zückt und zwischen Gebäck und Getränken seine Unterlagen ausbreitet. Zahlen schwirren durch die Luft, Prospekte werden durchgesehen und Unterschriften gesetzt.

Während an manchen Ständen reger Trubel herrscht, ist es an anderen ungewöhnlich still. Gut gekleidete Damen stehen erwartungsvoll lächelnd hinter ihren Theken, auf denen sich Broschüren, Handzettel und Postkarten türmen. Manche Herren haben es sich bereits gemütlich gemacht, sitzen entspannt zurückgelehnt auf ihren Stühlen und sind in ihre Lektüre versunken. Wieder andere stehen ein wenig verloren herum. Man sieht ihnen an, dass sie warten – darauf, dass etwas passiert, dass jemand kommt, der Interesse hat und mit dem sie sich unterhalten können.

Ja, es geht vorrangig darum, Kontakte zu knüpfen und Geschäfte abzuschließen und genau das ist das Problem für jemanden wie mich und genau deshalb hatte ich an die Buchmesse auch keine allzu großen Erwartungen: Ich möchte nicht bloß gucken, ich möchte Neues entdecken und falls es mich begeistert, am liebsten sofort mitnehmen. Käuflich zu erwerben ist vor Ort jedoch fast nichts. Vereinzelte Stände bieten ihre Produkte zum Kauf an, doch das ist eher die Ausnahme, was zur Folge hat, dass ich mich wie ein Kind inmitten einer überaus verlockenden Süßwarenhandlung fühle.

Dass diese Verlockung für manche Besucher unwiderstehlich ist, zeigt die Quote der Diebstähle. Für die Verlage ist es längst zur Normalität geworden, dass ihre ausgestellten Bücher reihenweise in geräumigen Taschen verschwinden. Sich vor diesen Diebstählen zu schützen ist nahezu unmöglich: Die Menschenmassen sind zu groß und die Überwachung eines jeden Winkels des Standes ist oftmals nicht machbar. Die Reihen leeren sich insbesondere am Wochenende, wenn die Messe auch für die breite Öffentlichkeit zugänglich ist.

Während sich Verlage, die mit besonders wertvollen Büchern handeln, durch Kopien schützen, nehmen es andere fast schon mit Humor. Der Verlust wird von vorneherein einkalkuliert und dient als Indikator für die Erfolgsprognose. Bücher, die besonders oft gestohlen werden, haben das Potential zum Bestseller. Verlage, die die höchste Diebstahlrate zu verzeichnen haben, können sich aufgrund ihres ansprechenden Verlagsprogramms auf die Schulter klopfen.

Wer nun jedoch glaubt, dass er durch diese Haltung einen Freischein zur kostenlosen Bereicherung hat, irrt sich, denn Diebstahl bleibt Diebstahl und wird dementsprechend nicht gerne gesehen. Nicht selten kommt dieser auch ans Licht: Entweder durch eigens dafür engagiertes Personal, aufmerksame Aussteller oder spätestens bei den Kontrollen am Ausgang, die zunehmend verstärkt werden.

Trotzdem muss ich gestehen, dass es für den gewöhnlichen und vor allem unerfahrenen Besucher manchmal schwer ist, zu unterscheiden, was mitgenommen werden darf und was nicht. Dass Bücher davon ausgeschlossen sind, sollte jedoch jedem klar sein, denn die bekommt man nur als Vertreter oder in Form eines Freiexemplars aufgrund eines persönlichen Kontakts. Verkauft wird lediglich am Sonntag und/oder in der dafür vorgesehenen Messebuchhandlung – soweit vorhanden.

Dennoch sieht man allerorts fleißige Sammler, die mit ihren Taschen und Trollis durch die Hallen streifen und nicht in jedem dieser Gepäckstücke befinden sich ausschließlich Prospekte. Ein Blick auf die unmittelbare Nachbarin zeigt, dass Dreistigkeit keine Grenzen kennt, verschwinden doch mal eben gleich mehrere Büchlein in ihrer Tasche – sorgsam ausgewählt und beiläufig eingesackt.

Falls euch meine offene Meinung dazu interessiert: Ich finde das sch…! Jedes Buch wird früher oder später käuflich zu erwerben sein und wem etwas an der Literatur liegt, sollte soviel Respekt vor der Arbeit des Autors und des Verlags haben, dass er auch bereit ist, etwas dafür zu bezahlen.
Wer nun das Argument des geringen Budgets einwirft und argumentiert, dass Bücher immer teurer werden und somit kaum noch erschwinglich sind, dem sage ich: Stimmt. Bücher werden immer teurer und ja, auch ich kann mir nicht alles sofort leisten, was ich gerne hätte.
Trotzdem gibt einem das nicht die Berechtigung, sich einfach zu nehmen, was man haben möchte und an dieser Stelle verweise ich ausgesprochen gerne auf öffentliche Bibliotheken, die oftmals sehr bemüht darum sind, den Wünschen ihrer Nutzer gerecht zu werden. Die Beiträge sind im Vergleich zu den gesparten Kosten gering, einzig etwas Geduld muss man aufbringen können.

Dass hinter einem Buch nicht nur die handwerkliche Arbeit eines Autors steckt, spiegelt sich auch in dessen Präsenz auf der Buchmesse wider. Er stellt sich öffentlichen Fragen, steht für Gespräche zur Verfügung und ist zum Anfassen nahe.
Zeit für ein weiteres Bekenntnis meinerseits: Das beeindruckt mich nicht. Ich meine das in keinster Weise abwertend, es ist nur so, dass ich weder hyperventiliere noch in bebende Begeisterungsstürme verfalle, wenn ich einen Autor mit eigenen Augen sehe oder nur wenige Schritte von ihm entfernt stehe. Ein Autor ist trotz seiner Berühmtheit auch nur ein Mensch mit guter oder schlechter Laune, Mimikfältchen und sympathischer Nervosität oder eben angenehm gelassener Ausstrahlung.

Dass die Möglichkeit des Gesprächs durch die Buchmesse besteht, finde ich großartig! Ich finde es toll, wenn ein Autor Wert auf den Kontakt zu seinen Lesern legt und an einem Austausch interessiert ist. Diese Form der Wertschätzung wirkt auf mich angenehm bodenständig und überaus sympathisch.
Ich bin allerdings kein typischer Autogrammjäger. Mein vorrangiges Interesse gilt dem Geschriebenen. Herauszufinden, welche Sorte Mensch dahinter steckt, finde ich manchmal sehr bereichernd, ich muss allerdings keine Unterschriften sammeln und auch keine Hände schütteln, zumindest nicht im Stundentakt. Außerdem möchte ich ehrlich zugeben, dass ich manchmal Angst davor habe, dass das Geschriebene durch den persönlichen Kontakt seiner Magie beraubt wird. Was, wenn der Schreiber ganz anders auf mich wirkt als seine Worte? Was, wenn das, was ich mir so schön in meiner Phantasie ausgemalt habe, plötzlich zu dem wird, was es eigentlich ist: Bloß eine erfundene Geschichte, die sich jemand in einem gewöhnlichen Arbeitszimmer ausgedacht hat?

Ihr habt es wahrscheinlich schon bemerkt: Ich bin eine undankbare Buchmessenbesucherin. Ich bin scheu und verklärt. Ich mag das persönliche Kleine anstelle des großen Trubels und ich möchte manchmal viel lieber haben, anstatt nur zu gucken.
Trotzdem war die Buchmesse für mich eine interessante Erfahrung, durfte ich doch endlich mal sehen, wie so etwas abläuft. Ich habe all die Eindrücke in mich aufgenommen und manchmal sehr gestaunt. Ich habe mich über Buchdiebe geärgert und fühlte mich von dem  riesigen Angebot und den Menschenmassen erschlagen. Sascha Lobo ist ein Stück größer als ich, Ursula Krechel wirkt im Gespräch ruhig und geordnet. Neuseeland hat mir die funkelndsten Sterne gezeigt (die Atmosphäre im Forum fand ich ausgesprochen schön!)  und ich habe Neuheiten entdeckt, die direkt auf meiner Wunschliste gelandet sind.

Dennoch werde ich wohl nie ein Fan solcher Messen werden. Mein Interesse gilt den Büchern, ihren Lesern und den Menschen, die sich gerne und in verschiedenster Form damit befassen. Das Geschäft dahinter reizt mich jedoch nicht so sehr.
Wenn sich die Gelegenheit ergibt, werde ich bestimmt noch mal hinfahren und dann vielleicht auch den einen oder anderen Blogger treffen. Doch dieses Mal wollte ich ganz unauffällig und ohne Termindruck entdecken, was dieser Teil der Buchbranche für eine Leserin wie mich zu bieten hat – zumindest in Ansätzen.