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Den vierten Teil der Reihe um Flavia de Luce zu lesen, fühlte sich für mich an, als sei ich nach längerer Zeit nach Hause gekommen. Dabei ist das Buch hinsichtlich des Genres etwas enttäuschend, denn anders als man es von Bradleys Romanen kennt, steht diesmal nicht die ausgeklügelte Aufklärung eines Mordes im Vordergrund, sondern viel mehr die unerwartete Feinfühligkeit der mittlerweile doch vertrauten Heldin. Und das obwohl der Plot eigentlich genug Stoff für einen wunderbar klassischen Whodunit-Krimi bietet:

Colonel de Luce ist finanziell am Ende. Zwar steht es bereits seit einigen Jahren schlecht um sein Bankkonto, doch nun ist der Zeitpunkt gekommen, an dem etwas passieren muss, damit die de Luces ihr herrschaftliches, aber sehr heruntergekommenes Anwesen Buckshaw halten können.

Um die Miete für ein paar weitere Monate zu sichern, vermietet der Colonel sein Haus über Weihnachten an eine Filmcrew. Mit dabei ist die berühmte Schauspielerin Phyllis Wyvern und wie zu erwarten, versetzt diese Neuigkeit ganz Bishop’s Lacey in helle Aufregung.
Um die Neugier der Dorfbewohner zu stillen und diese einmalige Gelegenheit am Schopfe zu packen, organisiert Vikar Richardson eine schauspielerische Darbietung für seine Schäfchen, mit der zugleich die Reparatur des Daches vom Gemeindehaus finanziert werden soll. Eben dort sollte die Aufführung auch stattfinden, doch aufgrund der ungastlichen Bedingungen wird sie kurzerhand in die Hallen von Buckshaw verlegt.

Was mit einer atemberaubenden Darbietung beginnt, endet mit einer mittelschweren Naturkatastrophe, denn als die Dorfbewohner nach Hause aufbrechen wollen, sind die Wege nach Bishop’s Lacey meterhoch zugeschneit. Der Schneesturm verwandelt Buckshaw in ein Notlager, was die Köchin Mrs Mullet zwar zur Bestform auflaufen lässt, jedoch für überaus ungewohnte Zustände auf dem Anwesen sorgt.

Und dann passiert ausgerechnet inmitten dieses Chaos ein Mord! Flavias Spürsinn wird unmittelbar angestachelt, sodass sie in gewohnter Manier auf eigene Faust ermittelt und den Kreis der Verdächtigen auf ihre ganz eigene Weise unter die Lupe nimmt…

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Wenn das nicht ideale Voraussetzungen für die klassische Suche nach dem Mörder sind, weiß ich es auch nicht! Die Wetterbedingungen sind frostig kalt, die Anzahl der Verdächtigen ist begrenzt und der Glanz des Ruhmes sorgt für allerhand Motive, die es zu durchleuchten gilt.
Trotzdem hat Bradley aus dieser Grundlage nicht das Beste herausgeholt, denn Flavias Ermittlung gestaltet sich stellenweise zwar spannend, aber auch ungewohnt lückenhaft.

Häppchenweise werden die Anhaltspunkte in die Handlung gebettet, allerdings bleiben die Verbindungspunkte zwischen den Indizien oftmals unausgesprochen. Die Aufklärung des Mordes dominiert zwar die zweite Hälfte des Romans, wirkt jedoch unerwartet nebensächlich, vor allem auch, weil Flavias Begeisterung für die Suche nach dem Mörder in diesem Band verhältnismäßig gering ausgeprägt ist. Es gibt zu viele andere Dinge, mit denen sie sich zusätzlich befassen muss, wie z.B. der amüsanten Festnagelung des Weihnachtsmannes oder – altbekannt – der Beziehung zu ihren Schwestern und dem beklemmend traurigen Schatten ihrer toten Mutter, der nach wie vor über der Familie und dem Anwesen liegt.

Für eingefleischte Krimifans dürfte „Vorhang auf für eine Leiche“ dementsprechend dröge oder zumindest unausgegoren wirken, für Leserinnen wie mich ist dieses Buch jedoch ein Hoch auf die Gemütlichkeit.
Das Gefühl des Heimkehrens, von dem ich zu Beginn sprach, stellte sich direkt auf den ersten Seiten ein, denn Bradley bleibt seiner Linie auch in dem neuesten Band treu: Flavia ist einfach Flavia – eine überaus clevere Außenseiterin mit trockenem, bisweilen schwarzem Humor, die auf sich allein gestellt durch das Anwesen stromert und in ihrem Labor vor sich hintüftelt. Ich habe sie im Laufe der Bücher einfach ins Herz geschlossen, sodass ich unglaublich gerne an ihren Gedankengängen teilhabe und immer mal wieder über ihre kuriosen Einfälle und Bissigkeiten schmunzeln muss.

Trotz dieser Vertrautheit tritt die Handlung in ihrer Gesamtheit nicht auf der Stelle, denn mit jedem weiteren Band erfährt der Leser mehr über Flavias empfindsame Seite, aber auch die Personen, von denen sie umgeben ist. Während Flavia beinahe mütterliche Gefühle in mir weckt – manchmal möchte ich ihr seufzend liebevoll über den Kopf streicheln -,  rückt Dogger, der Hausdiener, zunehmend in den Fokus der Aufmerksamkeit und Tante Felicity lüftet ein Geheimnis, das nicht vorhersehbar war. Diese Offenbarungen werden dem Leser allerdings nicht platt vor die Nase gesetzt, sondern sie bewahren ihren geheimnisvollen Schleier, sodass durchaus Spielraum für Spekulationen und Fortsetzungen bleibt.

Die Flavia Bände sind hinsichtlich der Charaktere wie ein Mosaik, das mit jedem weiteren Buch etwas vollständiger wird. Manche Figuren sind und bleiben in ihren Eigenschaften altbekannt, bei anderen ahnt man jedoch, dass da noch sehr viel im Verborgenen liegt, das – hoffentlich – irgendwann an die Oberfläche kommt.

Zusammenfassend hat „Vorhang auf für eine Leiche“ durchaus Schwächen, hinsichtlich des Genres und im Vergleich zu den Vorgängerbänden sogar ungewohnt auffallende. Trotzdem habe ich den vierten Band um die zwölfjährige Flavia überaus gerne gelesen, denn das Mädchen ist mir im Laufe der Zeit einfach ans Herz gewachsen. Ich liebe ihre schrullige, bisweilen bissige Art, ihr Humor bringt mich zum Schmunzeln und ihre Sensibilität, die unter dieser dicken, etwas unsympathisch wirkenden Schicht verborgen ist, rührt mich.

Zudem fühle ich mich in der Atmosphäre Buckshaws in Kombination mit den antiquierten Verhältnissen der 50er Jahre einfach pudelwohl und die vorherrschenden Zustände – der Schneesturm, die eisige Kälte sowie Weihnachten – machen „Vorhang auf für eine Leiche“ für mich zu einem perfekten Buch für kalte Tage, an denen man sich gemütlich zuhause einigeln möchte.

Eine Empfehlung für all jene, die keine kriminalistischen Glanzleistungen erwarten, aber durchaus Gefallen an einer dichten und schrullig angehauchten Atmosphäre finden!

Teil 1 / Teil 2 / Teil 3 / Teil 5

Info: Im November 2013 erscheint der fünfte Band der Reihe auf Englisch. Er trägt den Titel „Speaking from Among the Bones“. Ein Jahr später wird „The Dead In Their Vaulted Arches“ folgen.

© Ada Mitsou

320 Seiten / 19,99 € ~ Penhaligon (Oktober 2012) ~ ISBN: 3764530987