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Es wird euch nicht entgangen sein: In den letzten Monaten bin ich still geworden. Ich habe mich abgesehen von „We Read Indie“ zurückgezogen und die Zeit unter anderem dazu genutzt, mir Gedanken über den Literaturbetrieb im Allgemeinen und das Bloggen über Literatur im Speziellen zu machen.

Es gibt etwas, das ich am Bloggen immer sehr geschätzt habe, wenn nicht sogar am meisten: Die Freiheit. Ein weiter Begriff, der auf verschiedenste Weise in Gebrauch war und immer noch ist, doch jene Freiheit, die ich meine, ist eine kleine, der nichts Pathetisches anhaftet und die keinerlei Kämpfe auf hohen Ebenen austrägt. Die Freiheit, die ich meine, ist eine persönliche; eine, die einem im wahrsten Sinne des Wortes Freiräume gewährt, um sich unabhängig von äußeren Umständen, Bedingungen und Personen entfalten zu können.

Blogger entfalten sich auf unterschiedliche Weise und nie gleicht einer gänzlich dem anderen, doch im Laufe der Jahre bin ich im Wesentlichen zwei Arten von Bloggern begegnet: Auf der einen Seite jenen, die hoch hinaus wollen und jeden Funken Energie, der abseits des alltäglichen Geschäfts übrig bleibt, in ihren Blog stecken, um möglichst viele Menschen zu erreichen, Kontakte zu knüpfen und sich einen Namen zu machen.
Auf der anderen Seite jenen, die in dem, was sie tun, ruhen und sich mit dem, was sie haben, zufrieden geben, wenn nicht sogar glücklich schätzen.

Die Eigenschaften beider Arten schließen einander nicht zwingend aus und doch ist die Ambition eine vollkommen andere. Während der erfolgsorientierte Blogger die Vielzahl an Kontakten als Chance sieht und jede Form des Weiterkommens anstrebt und genießt, fühlt sich sein Gegenstück mit einer Anzahl regelmäßig wiederkehrender Besucher und dem, was sich eher beiläufig und aus dem Zufall heraus ergibt, am wohlsten.

Ich gehöre zu letzteren.

Das herauszufinden war eigentlich nicht schwer, letztlich aber doch ein langer Weg. Erfolg – und sei er auch noch so klein im Verhältnis zum Großen und Ganzen – neigt dazu, einem zu Kopf zu steigen.
Die wachsende Besucherzahl lässt einen zunächst staunen, doch irgendwann wird die hohe Zahl zum Maßstab, den man – mindestens! – halten möchte.
Ein Bericht in einem einschlägigen Magazin lässt das Herz höher schlagen, doch zugleich schürt er die Erwartung, dass daraufhin etwas folgen möge, was noch größer ist.
Die erste Anfrage, ob man ein Buch rezensieren möchte, macht einen unheimlich stolz, weil offenkundig jemand Wert auf die persönliche Meinung legt, doch im Laufe der sich häufenden Anfragen schwillt die Brust, bis die Grenze zur Überheblichkeit beinahe unbemerkt immer näher rückt.

Ich bin übersättigt.

Ich habe mich hinsichtlich des Bloggens satt gegessen an dem eigenen Streben nach höheren Zielen und fühle mich übersatt von der Höher-Weiter-Bekannter-Mentalität, die mir stellenweise mit spürbarer Wucht entgegen schlägt. Das ist heutzutage, in der heutigen Gesellschaft nichts Ungewöhnliches und doch bedeutet es für mich etwas ganz Entscheidendes, denn erst nachdem ich eine Weile mitgeschwommen bin, mich innerlich gesonnt und gesuhlt habe und durch die daraus resultierende Alltäglichkeit des Besonderen verbal leer geflossen bin, habe ich angefangen, heimlich, still und leise das Kleine wieder zu schätzen.

Der Inhalt eines Romans sollte mit allen dem Lesenden zur Verfügung stehenden Sinnen erlebt werden und nicht einer (teils selbst auferlegten) Frist unterliegen, die zur Eile mahnt und womöglich die entscheidendsten, intimsten oder berührendsten Stellen untergehen lässt.
Wenn ein Buch von mir fordert, dass ich es erst in zwei Monaten infolge des aufmerksamen Lesens in seiner ganzen Schönheit begreifen kann, möchte ich es nicht in vier Wochen aufgrund von Termindruck nur ansatzweise begriffen, aber dafür pünktlich besprochen haben.
Wenn der Erfolg meines Blogs davon abhängt, etwas zu schreiben, obwohl ich etwas nicht schreiben möchte, möchte ich keinen Erfolg haben, weil mich diese Form des Erfolgs von meinen Grundsätzen forttreibt.
Und wenn das Schreiben zur Pflicht wird, weil ich und andere es von mir erwarten, obwohl sich keine Worte in meinem Kopf formen können, werde ich unglücklich.

Das habe ich begriffen.

Nicht nur, weil ich viel darüber nachgedacht, sondern auch, weil ich es immer deutlicher wahrgenommen habe. Und dann bin ich erstmal dagestanden und habe mich gefragt: Was nun? Aufhören? Pausieren? Mich zwingen, trotzdem weiterzumachen? Aber falls ja, wofür eigentlich? Warum sollte oder muss ich denn überhaupt weitermachen?

Es gibt so viele Gründe, die dafür oder dagegen sprechen, doch letztlich ist nur einer von ihnen entscheidend: Ich möchte es. Ich möchte bloggen. Ich möchte lesen und darüber schreiben, mich austauschen und Gedankenanstöße, die etwas in mir bewegen, aufgreifen.
Allerdings unter anderen Bedingungen als bisher.

Ich weiß nicht, wie lange es hier noch still sein wird, aber im Moment lese ich zumindest wieder. Vor zwei Wochen habe ich nach einer gefühlten Ewigkeit noch mal begeistert ein Buch zur Hand genommen und seitdem wandern die Buchstaben fortwährend im bevorzugten Tempo an meinen Augen vorbei. Das macht mich glücklich. Lesen, ohne darüber schreiben zu müssen. Und dabei Leichtigkeit empfinden, weil ich weiß, dass ich es jederzeit könnte, aber eben nicht muss.

Die Bücher suche ich mir selbst aus, weil ich abgesehen von den bereits angenommenen Rezensionsexemplaren vorerst keine weiteren besprechen werde. Ich verteile Absagen anstatt Zusagen, jetzt jedoch mit einem guten Gefühl, weil ich keine Versprechen mehr gebe, die ich nicht zeitnah halten kann.
Ich mag es sehr, Bücher von verschiedenen Verlagen nach Belieben zu kaufen und ich mag den geduldigen Lauf der Zeit, mit dem ich die Inhalte aufnehmen kann, während ich das Leben abseits des Bloggens so gut wie möglich und auf viele verschiedene Arten genieße.
Das ist meine Bedeutung von der eingangs erwähnten Freiheit und eben jener möchte ich nun folgen.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen einen wunderbaren Sommerausklang – mit oder ohne Bücher – und freue mich auf ein vielleicht baldiges, aber ganz bestimmt freudiges Wiedersehen!